Kaum eine Geschichte gehört so fest zur Fitnesskultur der frühen 2010er wie der Tod von Aziz „Zyzz“ Shavershian: Thailand, eine Sauna, ein unentdeckter beziehungsweise angeborener Herzfehler und ein Herzinfarkt mit gerade einmal 22 Jahren.
So wurde die Geschichte über Jahre erzählt. In Videos, Forenbeiträgen, Biografien und wahrscheinlich einigen tausend TikTok-Clips. Nur scheint ein entscheidender Teil davon nicht zu stimmen.
Pünktlich zum 15. Todestag von Zyzz erschien am 5. August 2026 die Dokumentation „Revealed – Poster Boy: Becoming Zyzz“. Regisseurin Selina Miles konnte dabei gemeinsam mit der Familie erstmals Dokumente und Informationen auswerten, die bislang nicht öffentlich bekannt waren. Und die zeichnen von den letzten Stunden des vielleicht einflussreichsten Fitness-Internetstars seiner Generation ein deutlich anderes Bild.
Das Überraschendste: Zyzz starb demnach nicht an einem Herzinfarkt in einer Sauna.
15 Jahre lang kannte praktisch jeder dieselbe Geschichte
Zyzz starb am 5. August 2011 während einer Reise nach Thailand. Er war gerade einmal 22 Jahre alt.
Diese Nachricht verbreitete sich damals rasend schnell durch eine Fitnessszene, die noch ganz anders funktionierte als heute. Instagram spielte praktisch keine Rolle, TikTok existierte nicht und das Wort „Influencer“ hatte noch nicht annähernd die Bedeutung, die es heute besitzt. Zyzz war über Bodybuilding-Foren und YouTube groß geworden und hatte sich mit seinem „Aesthetics“-Lifestyle eine für damalige Verhältnisse enorme Community aufgebaut.
Nach seinem Tod setzte sich schnell eine Erklärung durch: Zyzz sei in einer Sauna in Pattaya zusammengebrochen und an einem Herzinfarkt gestorben. Ein angeborener Herzfehler beziehungsweise eine nicht diagnostizierte Herzerkrankung habe dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Genau diese Version findet man bis heute an zahlreichen Stellen im Internet. Selbst Screen Australia beschreibt die Geschichte der neuen Dokumentation auf seiner Projektseite noch damit, dass Zyzz 2011 in Thailand an einem Herzinfarkt gestorben sei.
Über die Jahre wurde daraus fast ein Bestandteil des Zyzz-Mythos. Ein junger Mann baut sich innerhalb weniger Jahre einen beinahe perfekten Körper auf, wird zum Idol einer Generation und stirbt dann ausgerechnet in einer Sauna an seinem Herzen. Tragisch, aber zumindest scheinbar eindeutig.
Die neue Dokumentation stellt diese Version nun ziemlich grundsätzlich auf den Kopf.
Die toxikologischen Befunde erzählen eine andere Geschichte
Für „Poster Boy: Becoming Zyzz“ arbeitete Selina Miles mit den Eltern von Aziz Shavershian zusammen. Dadurch erhielt die Produktion offenbar Zugang zu Informationen aus der damaligen Untersuchung, darunter die Ergebnisse der Toxikologie. Der Guardian berichtete im Vorfeld der Veröffentlichung ausführlich über diese neuen Erkenntnisse. Demnach hatte Zyzz tatsächlich ein vergrößertes Herz.
Die in der Dokumentation offengelegte Todesursache soll jedoch eine andere gewesen sein: akutes Atemversagen infolge der kombinierten Einnahme von Morphin, Kokain und Benzodiazepinen. Das ist ein erheblicher Unterschied. Auch Regisseurin Selina Miles macht dabei allerdings eine wichtige Einschränkung: Aus den Unterlagen lasse sich nicht rekonstruieren, wann Zyzz welche Substanz eingenommen hatte. Ebenso sei nicht geklärt, wodurch genau sein vergrößertes Herz verursacht worden war. Ein Zusammenhang mit seinem Steroidkonsum ist denkbar, lässt sich anhand der bekannten Informationen aber nicht einfach als bewiesene Ursache darstellen.
Was die Dokumentation nach Darstellung des Guardian dagegen deutlich macht: Entscheidend für seinen Tod war die Wechselwirkung der gefundenen Drogen beziehungsweise Medikamente. Und dann gibt es noch ein Detail, das die bekannte Geschichte endgültig ziemlich merkwürdig aussehen lässt:
Die Sauna spielte offenbar überhaupt keine Rolle.
Die berühmte Sauna gab es in dieser Geschichte offenbar gar nicht
Ich musste diesen Teil tatsächlich zweimal lesen.
Nicht, weil es vollkommen ausgeschlossen wäre, dass sich eine über 15 Jahre weitererzählte Geschichte irgendwann verselbstständigt. Das Internet ist schließlich nicht gerade dafür bekannt, bei Legendenbildung besonders pedantisch auf Primärquellen zu bestehen. Aber die Sauna war nie irgendein unwichtiges Detail. Sie war praktisch der Schauplatz von Zyzz’ Tod.
Nach den neuen Informationen starb Aziz jedoch nicht dort. Der Guardian fasst die Erkenntnisse aus der Dokumentation entsprechend deutlich zusammen: kein Herzinfarkt als festgestellte Todesursache und keine Sauna. Damit fällt ein erheblicher Teil der Geschichte weg, die Millionen Fitnessfans über Zyzz kennen.
Wie genau sich die Sauna-Version ursprünglich etablierte und weshalb sie so lange als Tatsache behandelt wurde, ist wesentlich schwieriger zu beantworten. Nach seinem Tod herrschte jedenfalls ein enormes öffentliches Interesse an den Umständen. Laut Guardian versuchten Menschen sogar, sich als Familienmitglieder auszugeben, um an den Coroner-Bericht zu gelangen. Gleichzeitig kursierten über Jahre Verschwörungstheorien, angebliche Sichtungen und sogar Behauptungen, Zyzz habe seinen Tod nur vorgetäuscht.
Natürlich. Denn wenn das Internet eine tragische Geschichte bekommt, dauert es offenbar nicht lange, bis irgendwo jemand entscheidet, dass die langweiligste Erklärung automatisch die unwahrscheinlichste sein muss.
Zyzz war offenbar deutlich komplizierter als seine Internetfigur
Fast noch interessanter als die neuen Informationen über seinen Tod ist allerdings das Bild, das die Dokumentation von Aziz hinter der Figur Zyzz zeichnet. Wer ihn nur aus den legendären Clips kennt, sieht einen extrem selbstbewussten jungen Mann: Posing, Festivals, Frauen, Solarium, Hardstyle und natürlich „U mirin’, brah?“.
Doch genau dieses Selbstbewusstsein war offenbar zumindest teilweise eine Inszenierung. Sein Bruder Said „Chestbrah“ Shavershian beschreibt die beiden rückblickend als zwei Nerds, die gewissermaßen Figuren um sich herum konstruiert hätten. Aziz hatte sich vom schmächtigen Jugendlichen zum muskulösen Internetstar transformiert – und irgendwann schien die Grenze zwischen Aziz und Zyzz zunehmend zu verschwimmen.
Freunde berichten in der Dokumentation von Unsicherheiten und einer zunehmenden Fixierung auf vermeintliche körperliche Makel. Gleichzeitig experimentierte Zyzz laut den Recherchen mit leistungssteigernden und anderen Substanzen. Benzodiazepine wie Xanax soll er unter anderem im Zusammenhang mit sozialer Angst verwendet haben. In einem seiner späteren Videos bezeichnete Aziz die Figur Zyzz selbst als eine Art Rolle, die zunehmend Besitz von ihm ergriffen habe. Das macht die Geschichte rückblickend deutlich weniger lustig, als viele der alten Clips heute wirken.
Denn Zyzz hatte etwas geschaffen, das ihm Aufmerksamkeit, Anerkennung und letztlich sogar ein Geschäftsmodell brachte. Gleichzeitig musste diese Figur permanent gepflegt werden: größer, definierter, attraktiver, selbstbewusster. Wer glaubt, dass dieses Problem mit MySpace und Bodybuilding.com ausgestorben ist, darf gerne einmal fünf Minuten durch einen aktuellen Fitness-Feed scrollen.
Auch der Grund für seine Thailand-Reise erscheint plötzlich in einem anderen Licht
Eine weitere bislang kaum bekannte Information betrifft die Reise selbst. Aziz hatte kurz vor seinem Tod mit dem Verkauf von Trainingsprogrammen Geld verdient und reiste anschließend nach Thailand. Dort hatte er laut den in der Dokumentation dargestellten Informationen heimlich eine operative Veränderung an Nase und Wangen geplant.
Das passt auf unangenehme Weise zu den Berichten über seine zunehmende Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen. Heute würde man dafür wahrscheinlich Begriffe wie „Looksmaxxing“ verwenden. 2011 fehlte lediglich das passende TikTok-Vokabular.
Und genau deshalb wirkt Zyzz heute erstaunlich modern. Lange bevor junge Männer Jawlines analysierten, Körperfettanteile miteinander verglichen und sich in Online-Communitys gegenseitig Optimierungsstrategien erklärten, hatte Aziz im Grunde bereits eine frühe Version dieser Kultur aufgebaut. Nur war seine Botschaft gleichzeitig positiver als vieles, was daraus später entstanden ist. Zyzz wollte vom unsicheren Nerd zu jemandem werden, der einen Raum betritt und gesehen wird. Es scheint so, als wäre Training für ihn nicht nur Muskelaufbau, sondern Selbsterschaffung gewesen.
Das hat Millionen junge Männer angesprochen. Und tut es offenbar noch immer.
Warum Zyzz 15 Jahre später immer noch relevant ist
Wer heute 18 Jahre alt ist, war noch nicht einmal geboren, als die ersten Zyzz-Videos auf YouTube erschienen. Trotzdem kennt ein erheblicher Teil der jungen Fitnessgeneration seinen Namen, seine Posen oder zumindest die Memes, die daraus entstanden sind.
Das ist ziemlich außergewöhnlich. Fitness-Influencer verschwinden normalerweise schneller aus der öffentlichen Wahrnehmung, als ihre Rabattcodes auslaufen. Zyzz starb 2011 – und wird 2026 noch immer zitiert, kopiert und verehrt. Die neue Dokumentation zeigt dabei auch, wie früh er Mechanismen verstanden hatte, die heute vollkommen normal wirken. Laut Guardian erstellte Aziz beispielsweise selbst eine Facebook-Seite mit dem Titel „10,000 likes and I’ll bash Zyzz“. Nachdem die Seite genügend Aufmerksamkeit erhalten hatte, wandelte er sie in Werbung für seine eigene Proteinmarke um.
Mit anderen Worten: Der Mann betrieb Ragebait-Marketing, bevor die meisten Leute überhaupt wussten, was ein Social-Media-Algorithmus ist. Zyzz war sicherlich nicht der erste Mensch, der durch Fitness bekannt wurde. Aber er gehörte zu den ersten, die verstanden, dass im Internet nicht nur der Körper interessant ist, sondern die Figur darum herum. Der Lifestyle war das Produkt.
Die neue Todesursache verändert seinen Mythos – aber nicht unbedingt sein Vermächtnis
Bei solchen Enthüllungen besteht schnell die Gefahr, dass eine Person nachträglich auf ihre Todesursache reduziert wird. Das wäre bei Zyzz ziemlich billig. Die neuen Informationen machen weder seine Bedeutung für die Fitnesskultur kleiner noch sämtliche Botschaften wertlos, die Menschen aus seinen Videos mitgenommen haben. Sie verändern aber die Perspektive auf die Person hinter der Figur.
Aus der alten Erzählung wurde beinahe eine griechische Tragödie: Der scheinbar perfekte junge Körper wird von einem unerkannten Herzproblem besiegt. Die Realität scheint wesentlich chaotischer gewesen zu sein. Da war ein 22-Jähriger, der innerhalb weniger Jahre berühmt geworden war, seinen Körper massiv verändert hatte, leistungssteigernde Substanzen verwendete, offenbar mit Ängsten und Unsicherheiten kämpfte und gleichzeitig eine Internetfigur geschaffen hatte, die immer größer wurde.
Und dann starb er.
Nicht in einer Sauna an jenem Herzinfarkt, von dem das Internet 15 Jahre lang erzählt hat, sondern laut den nun öffentlich gemachten toxikologischen Befunden an akutem Atemversagen nach einer Kombination verschiedener Substanzen. Das macht die Geschichte nicht weniger tragisch. Eigentlich macht es sie tragischer.
Ausgerechnet Zyzz zeigt heute die Schattenseite der Fitness-Influencer-Kultur
Man kann Zyzz mögen oder die ganze „Aesthetics“-Nummer rückblickend ziemlich albern finden. Sein Einfluss lässt sich schwer bestreiten. Aber vielleicht ist die interessanteste Erkenntnis der Dokumentation gar nicht die konkrete Mischung von Substanzen in seinem toxikologischen Befund.
Es ist die Diskrepanz zwischen Zyzz und Aziz. Das Internet sah einen nahezu unzerstörbaren Typen, der Selbstbewusstsein predigte und seinen Körper wie eine Trophäe präsentierte. Hinter dieser Figur stand offenbar ein junger Mann, der erheblich unsicherer war, als seine Videos vermuten ließen.
Heute gibt es davon Millionen kleinere Versionen auf Instagram und TikTok. Perfekte Körper. Perfekte Beleuchtung. Perfekte Morgenroutine. Perfektes Leben. Was außerhalb des Bildausschnitts passiert, sieht niemand.
Zyzz war einer der ersten großen Fitness-Influencer, obwohl dieser Beruf damals noch gar keinen richtigen Namen hatte. Vielleicht war er damit auch einer der ersten Fälle, an denen man sehen konnte, was passieren kann, wenn die öffentliche Figur irgendwann größer wird als der Mensch, der sie erschaffen hat. 15 Jahre später wissen wir zumindest etwas genauer, wie seine Geschichte endete.
Die Legende lebt trotzdem weiter.
FAQ
Woran starb Zyzz wirklich?
Laut den in der Dokumentation „Revealed – Poster Boy: Becoming Zyzz“ offengelegten toxikologischen Ergebnissen starb Aziz „Zyzz“ Shavershian an akutem Atemversagen infolge der kombinierten Einnahme von Morphin, Kokain und Benzodiazepinen. Bei ihm wurde außerdem ein vergrößertes Herz festgestellt.
Ist Zyzz in einer Sauna gestorben?
Nach den neuen Informationen offenbar nein. Die über Jahre verbreitete Geschichte, Zyzz sei in einer Sauna in Thailand zusammengebrochen und an einem Herzinfarkt gestorben, wird durch die nun veröffentlichten Erkenntnisse infrage gestellt. Die Dokumentation berichtet ausdrücklich, dass die Sauna nicht der Schauplatz seines Todes gewesen sei.
Hatte Zyzz einen Herzfehler?
Bei Zyzz wurde laut den veröffentlichten Informationen ein vergrößertes Herz festgestellt. Wodurch dieses verursacht wurde, ist nicht abschließend geklärt. Regisseurin Selina Miles betont, dass weder ein Zusammenhang mit Steroidkonsum noch eine andere konkrete Ursache anhand der verfügbaren Informationen sicher festgestellt werden könne.
Wie alt war Zyzz bei seinem Tod?
Aziz Shavershian starb am 5. August 2011 im Alter von 22 Jahren während einer Reise nach Thailand. Die neue Dokumentation erschien exakt 15 Jahre später am 5. August 2026.
Wo kann man die neue Zyzz-Dokumentation sehen?
„Revealed – Poster Boy: Becoming Zyzz“ erschien am 5. August 2026 beim australischen Streamingdienst Stan. Die Produktion enthält bislang unveröffentlichtes Archivmaterial, private Aufnahmen und Aussagen von Familienmitgliedern und engen Freunden.