Wenn aus einem Geheimtipp plötzlich ein Problemfall wird
Peptide haben sich, wie wir wahrscheinlich fast alle wissen, innerhalb kürzester Zeit von einem extremen Nischenthema zu einem der wahrscheinlich größten Trends der gesamten Fitness- und Biohacking-Szene entwickelt. BPC-157, TB-500, GHK-Cu und vor allem Retatrutid wurden uns allen auf Social Media als die nächste große Revolution präsentiert. Zahlreiche namhafte Influencer werben für die entsprechenden Shops, teilen freudig ihre Rabattcodes und berichten über ihre persönlichen Erfahrungen mit Peptiden.
Einer der mit Abstand bekanntesten Anbieter aus diesem Bereich ist Biolab. Das Unternehmen wurde in den vergangenen Wochen und Monaten von unterschiedlichsten Fitness-Influencern beworben und genoss innerhalb der Bodybuilding- und Fitness-Szene lange einen vergleichsweise guten Ruf. Aktuell steht dieser Ruf jedoch gelinde gesagt massiv unter Druck.
Grund dafür sind kürzlich veröffentlichte Laboranalysen, die Fragen zur Genauigkeit der Dosierungen und zur Belastung einzelner Peptide mit Endotoxinen aufwerfen.
Iron Mike lässt Peptide aus verschiedenen Shops untersuchen
Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion maßgeblich durch Michael Steiner, der vielen von euch wahrscheinlich eher unter dem Namen Iron Mike beziehungsweise @iron_mike69 bekannt ist. Für seinen Vergleich ließ er nach eigener Darstellung Peptide von verschiedenen Anbietern unabhängig untersuchen.
Das Ergebnis fiel offenbar nicht bei jedem der Shops so positiv aus, wie deren Werbung uns weismachen sollte. Besonders die untersuchten Biolab-Proben sorgten anschließend für hitzige Diskussionen.
Nach den von Mike öffentlich präsentierten Ergebnissen soll das als Retatrutid verkaufte Produkt deutlich stärker dosiert gewesen sein als angegeben. Gleichzeitig wurden bei der untersuchten Probe signifikant höhere Endotoxinwerte festgestellt als bei Vergleichsprodukten von anderen Herstellern. Bei einer BPC-157-Probe von Biolab sollen die gemessenen Endotoxinwerte ca. 560-mal höher gewesen sein als bei der Konkurrenz.


Warum eine Überdosierung kein Qualitätsmerkmal ist
In der Supplementbranche werden Überdosierungen von Wirkstoffen mitunter fast positiv dargestellt. Mehr Wirkstoff und das für das gleiche Geld, das klingt zunächst nach einem optimalen Geschäft. Bei einem experimentellen Peptid wie Retatrutid ist das allerdings nicht zutreffend und auch nicht bis zum Ende gedacht.
Wenn auf einem Vial eine bestimmte Wirkstoffmenge angegeben wird, verlassen sich Anwender bei der Berechnung ihrer Dosierung auf genau diese Angabe. Enthält das Produkt tatsächlich deutlich mehr Wirkstoff, kann unbemerkt eine wesentlich höhere Dosis verwendet werden. Gerade bei Retatrutid können dadurch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, schwerer Durchfall, Dehydration oder Störungen des Elektrolythaushalts verstärkt auftreten. Hinzu kommt, dass Retatrutid weiterhin nicht regulär als Medikament zugelassen ist. Eli Lilly untersucht den Wirkstoff zwar in klinischen Studien, warnt aber ausdrücklich vor Produkten, die außerhalb dieser kontrollierten Studien als Retatrutid verkauft werden.
Eine falsche Dosierung ist deshalb nicht als großzügiger Bonus des Herstellers, sondern als ein Hinweis auf mangelnde Produktions- oder Qualitätskontrolle zu sehen.
Das eigentliche Reizwort: Endotoxine
Noch kritischer in der Debatte sind die berichteten Endotoxinwerte. Endotoxine sind Bestandteile bestimmter Bakterien. Sie können auch dann noch in einem Produkt vorhanden sein, wenn die eigentlichen Bakterien bereits lange abgetötet wurden. Werden relevante Mengen injiziert, können sie Fieber, Schüttelfrost und starke Entzündungsreaktionen auslösen. In schwerwiegenden Fällen sind darüber hinaus auch deutliche Kreislaufreaktionen möglich.
In der Diskussion werden im Netz häufig verschiedene Begriffe durcheinandergebracht. Ein Peptid kann chemisch sehr rein sein und trotzdem Endotoxine enthalten. Ebenso beweist ein Endotoxintest nicht automatisch, dass das Produkt steril ist. Reinheit, Wirkstoffmenge, Sterilität und Endotoxinbelastung sind unterschiedliche Qualitätsmerkmale und müssen als solche auch jeweils gesondert untersucht werden. Genau hier zeigt sich das grundsätzliche Problem des Marktes: Viele Anbieter werben mit einer Reinheit von über 99 Prozent. Für eine Substanz, die später injiziert werden soll, reicht ein schöner HPLC-Wert allein allerdings nicht aus.
Benedikt Dregger beendet die Zusammenarbeit mit Biolab
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die ganze Situation durch den Bodybuilder Benedikt Dregger, auf Instagram bekannt als @bodybuilding.bene. Dregger hatte zuvor öffentlich mit Biolab zusammengearbeitet und deren Produkte auch im Rahmen seiner Wettkampfvorbereitung beworben.
Nach der Veröffentlichung der Analysen erklärte er öffentlich, Biolab verlassen zu haben. Als Grund nannte er ausdrücklich die Ergebnisse aus Michael Steiners Video. Er verwies sowohl auf das nach seiner Darstellung überdosierte Retatrutid als auch auf die erhöhten Endotoxinwerte der untersuchten Produkte.
Damit wurde aus einer Diskussion über einzelne Laborberichte endgültig ein öffentlich nicht mehr übersehbarer Konflikt innerhalb der Fitnessszene. Ein ehemaliger Werbepartner distanzierte sich von dem Unternehmen, während andere Beteiligte die Ergebnisse diskutierten, relativierten oder konkurrierende Anbieter empfahlen.
Natürlich gehört zur vollständigen Wahrheit auch, dass dieser Markt von wirtschaftlichen Interessen geprägt ist. Manche Personen verdienen an Biolab-Rabattcodes, andere empfehlen inzwischen die Konkurrenz und verdienen an deren Rabattcodes. Das macht einen überprüfbaren Laborbefund nicht automatisch falsch. Es bedeutet aber, dass man zwischen tatsächlichen Messwerten und der teilweise sehr werblich inszenierten Empörung unterscheiden muss.

Ist Biolab damit endgültig überführt?
So weit sollte man, finden wir zumindest, nach der derzeit öffentlich verfügbaren Beweislage nicht gehen. Eine auffällige Einzelprobe kann selbstverständlich einen ernsthaften Qualitätsmangel dieser Probe oder Charge zeigen. Sie beweist jedoch nicht automatisch, dass sämtliche Produkte des Anbieters falsch dosiert oder belastet sind. Dafür wären weitere Blindkäufe, mehrere Chargen und unabhängige Wiederholungsanalysen notwendig.
Ebenso gibt es bislang keine öffentlich bekannte behördliche Rückrufaktion und kein rechtskräftiges Urteil gegen Biolab im Zusammenhang mit diesen Vorwürfen. Begriffe wie „Betrug“ oder „Vergiftung“ wären deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht angemessen.
Trotzdem kann Biolab die Debatte nicht einfach als belangloses Influencer-Drama abtun. Wer Produkte aus einem derart sensiblen Bereich verkauft und mit hoher Reinheit sowie Laborqualität wirbt, muss nachvollziehbar erklären können, wie Dosierungsabweichungen und auffällige Endotoxinwerte zustande kommen konnten. Entscheidend wird sein, ob weitere Chargen untersucht werden und wie transparent das Unternehmen mit den Ergebnissen umgeht.
Zumindest würde das auf ein gewöhnliches Unternehmen zutreffen, das nicht mit halblegalen Produkten handelt, die aus einem stichhaltigen Grund nicht für die Anwendung bei Menschen zugelassen sind. Man sollte sich allerdings immer vor Augen führen, dass Produkte, die nicht wirklich legal sind, auch nicht wirklich reguliert sind und am Ende trägt man für das „Konsumieren“ von Produkten, die nicht für den „Konsum“ zugelassen sind, auch immer selbst die Verantwortung.
Fazit: Vertrauen ist gut – unabhängige Kontrolle ist besser
Die aktuelle Biolab-Kontroverse zeigt uns vor allem, wie riskant der bisher kaum regulierte Markt für Research Peptides geworden ist. Hochprofessionell erstellte Websites, Laborzertifikate, beliebte Athleten und Rabattcodes erzeugen beim Konsumenten schnell den Eindruck eines kontrollierten und vor allem sicheren Produkts. Dieser Eindruck entspricht jedoch nicht zwangsläufig der Realität.
Gerade bei Substanzen, die offiziell nur zu Forschungszwecken verkauft werden, in der Praxis aber offensichtlich von Menschen verwendet und unter Umständen missbraucht werden, sollte Qualität nicht auf bloßen Werbeversprechen beruhen. Eine Analyse sollte zur tatsächlich verkauften Charge gehören, überprüfbar sein und nicht nur Reinheit und Wirkstoffidentität, sondern auch Dosierungsgenauigkeit, Endotoxine und Sterilität berücksichtigen.
Noch eine kleine Randnotiz von unserer Seite für Influencer und Unternehmen: Man sollte nicht nur sehr genau prüfen, was man den Leuten alles verkaufen möchte und womit man Geschäfte macht, sondern vielleicht auch, mit wem und wie man hier im Umgang agiert. Wer seinen Namen und seine Glaubwürdigkeit an ein Produkt oder einen Hersteller bindet, trägt auch die Verantwortung dafür, was er seiner Community empfiehlt. Wir wissen, dass Geld schmeckt, aber es ist eben nicht alles.
Am Ende ist das vermutlich auch der eigentliche Kern der Situation: Vertrauen lässt sich durch Werbung schnell aufbauen. Durch einen einzigen problematischen Laborbericht kann es jedoch ebenso schnell wieder verschwinden und am Ende geht es euren Lieblings-Influencern vermutlich vor allem um eines, nämlich Geld.
Quellen und öffentliche Hinweise
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Michael Steiner – Iron Mike Biohacking: „Ich habe Schwarzmarkt-Peptide ins Labor geschickt“, veröffentlicht über @iron_mike69.
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Steiner, M. [Iron Mike Biohacking]. (2026, 2. August). Ich habe Schwarzmarkt-Peptide ins Labor geschickt … und DAS habe ich nicht erwartet! [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=b4DNespAvX0&t=1206s
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Benedikt Dregger: Öffentliches Statement zur Beendigung seiner Zusammenarbeit mit Biolab, @bodybuilding.bene.
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Janoshik Analytical: Informationen zur Prüfung von Peptiden, Wirkstoffmengen und Endotoxinen.
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Eli Lilly and Company: Aktuelle Informationen zum Entwicklungs- und Zulassungsstatus von Retatrutid.
Hinweis: Der Artikel beschreibt den Stand der öffentlich zugänglichen Informationen vom 3. August 2026. Die genannten Laborergebnisse beziehen sich auf untersuchte Einzelproben und stellen keinen Nachweis dar, dass sämtliche Produkte oder Chargen des Anbieters betroffen sind.