Bei einer Siegerehrung im Profibodybuilding ist der Ablauf im Grunde ziemlich klar: Platzierung annehmen, auf der Bühne bleiben, Fotos machen, mehr ist es nicht. Michael Daboul hatte nach seinem dritten Platz beim Austrian Oak 2026 sichtbar Probleme mit genau diesem Teil des Abends. Als Zhivko Petkov als Sieger der Classic Physique und der Deutsche Florian Hartlage als Zweiter feststanden, machte Daboul seinen Ärger über das Urteil der Judges noch an ort und Stelle auf der Bühne deutlich.
Aufnahmen vom Wettkampf zeigen, wie er gegen die Entscheidung protestiert, Anstalten macht, die Bühne zu verlassen und sich bei den anschließenden Siegerfotos erkennbar zurückhaltend verhält. Kurz danach folgte der deutlich ruhigere zweite Auftritt: Daboul entschuldigte sich öffentlich bei seinen Konkurrenten, den Judges, der IFBB Pro League, den Veranstaltern und den Zuschauern. Aus einem sportlich überraschenden dritten Platz war damit innerhalb weniger Stunden eine der auffälligsten Szenen des Austrian-Oak-Wochenendes geworden.
Dritter Platz – und Daboul macht seinen Ärger sofort deutlich
Aus Wettkampfsicht war die Reihenfolge eindeutig. Die offizielle Ergebnisliste der IFBB Pro League führt Zhivko Petkov auf Platz eins, Florian Hartlage auf Rang zwei und Michael Daboul auf Rang drei. Dahinter folgten Adrian Cyronek und Wellington Mwangonde. Gerade Hartlages zweiter Platz ist aus deutscher Sicht ein starkes Ergebnis, ging in der Diskussion danach aber leider fast zwangsläufig etwas unter.
Daboul ließ dagegen schon bei der Verkündung erkennen, dass er mit der Entscheidung nicht einverstanden war. Er protestierte sichtbar gegen seine Platzierung, war kurz davor, die Bühne zu verlassen, und an den üblichen Fotos der Topplatzierten hat er sich nur widerwillig beteiligt. Für einen Sport, in dem nach praktisch jeder größeren Show auf Social Media ohnehin noch einmal eine inoffizielle Jury aus Screenshots und Standbildern zusammentritt, ist es selten, seiner Unzufriedenheit direkt auf der Bühne Luft zu machen: Dieses Mal fand die Diskussion allerdings direkt vor den eigentlichen Judges statt. Ob Daboul sich sportlich tatsächlich zu niedrig bewertet sah, kann man nur mutmaßen. Die entscheidende Tatsache ist zunächst nur, dass die Jury Petkov und Hartlage vor ihm sah. Dass Daboul selbst diese Einschätzung offensichtlich nicht teilte, musste an diesem Abend wiederum niemand erraten.
Warum Platz drei für Daboul besonders bitter gewesen sein dürfte
Daboul war 2025 Achter beim Classic Physique Olympia geworden und hatte nur eine Woche vor dem Austrian Oak den Huanji Harbin China Pro gewonnen. In Harbin setzte er sich vor Xin Liu und Chuan Wang durch. Wer mit einem frischen Pro-Sieg anreist und im Vorjahr zur Olympia-Top-8 gehörte, wird einen dritten Platz vermutlich nicht als gelungenen Abschluss des Wochenendes empfinden. Das kann ich natürlich nur spekulieren, ich war nie in der Situation.
Dazu kam die besondere Situation der Olympia-Qualifikation 2026. Für die Classic Physique gilt in diesem Jahr ein Punktesystem: Die Top 25 der Punktwertung qualifizieren sich für den Olympia, zwei Siege bei offenen Pro-Shows bedeuten die automatische Qualifikation. Bei normalen Open-Pro-Wettkämpfen gibt es zehn Punkte für einen Sieg, vier für Platz zwei und drei Punkte für Platz drei. Die Qualifikationsperiode endet dieses Jahr am 30. August 2026. Damit war der Austrian Oak für Daboul sportlich durchaus relevant, aber die gelegentlich kursierende Darstellung von einer simplen „letzten Chance auf den Olympia“ ist zu grob. Stand 26. August führt die offizielle IFBB-Liste ihn mit 16 Punkten. Damit liegt er aktuell innerhalb der Top 25 der Punktwertung, auch wenn die endgültige Qualifikation erst nach Ende des Qualifikationsfensters feststeht. Sein dritter Platz in Wien brachte ihm also weitere Punkte statt eines kompletten sportlichen Totalschadens. Das erklärt den Druck hinter der Situation zumindest etwas besser. Es entschuldigt die Reaktion auf der Bühne allerdings nicht – und genau diesen Unterschied hat Daboul wenig später selbst ziemlich klar gezogen.
Dann kam die Entschuldigung – ohne die Judges erneut verantwortlich zu machen
Am 24. August veröffentlichte Daboul auf Instagram eine ausführliche Entschuldigung. Er wandte sich zuerst an Zhivko Petkov und Florian Hartlage und schrieb, es tue ihm leid, ihnen einen Moment genommen zu haben, in dem eigentlich ihre Leistungen hätten gefeiert werden sollen. Danach entschuldigte er sich beim Judging Panel, bei der IFBB Pro League, den Promotern, dem Publikum und allen, die die Szene gesehen hatten.
Bemerkenswert ist dabei weniger, dass überhaupt eine Entschuldigung kam. Nach einem Clip, der sich innerhalb der Bodybuilding-Szene schnell verbreitet, ist ein Statement inzwischen fast Teil des üblichen Programms. Entscheidend ist eher, wie Daboul es formulierte. Er schob die Verantwortung nicht noch einmal auf die Judges, sondern bezeichnete seine Reaktion als unprofessionell und schrieb: „My reaction was unprofessional, completely out of character, and something I take full responsibility for.“ Das ist deutlich besser als die beliebte Social-Media-Variante einer Entschuldigung, bei der nach drei Sätzen plötzlich doch wieder erklärt wird, weshalb eigentlich alle anderen schuld waren. Daboul gratulierte seinen beiden Konkurrenten ausdrücklich und kündigte an, aus der Situation lernen zu wollen. Damit war die Sache nicht ungeschehen, aber wenigstens musste niemand mehrere Story-Slides lang nach dem Teil suchen, in dem tatsächlich Verantwortung übernommen wird.
Mein Problem ist nicht, dass Daboul die Judges kritisiert
Bodybuilding wird von Menschen bewertet, und selbstverständlich dürfen Athleten eine Platzierung für falsch halten. Gerade auf diesem Niveau hängen an einer einzigen Show Monate Vorbereitung, Geld, Reisen, Karriereplanung und im aktuellen Qualifikationssystem auch konkrete Olympia-Punkte. Zu erwarten, dass jeder Profi jede Entscheidung innerlich mit stoischer Ruhe abhakt, wäre ziemlich lebensfremd.
Die Siegerehrung ist trotzdem ein denkbar schlechter Ort, um daraus eine spontane Berufungsverhandlung zu machen. Vor allem deshalb, weil der Moment eben nicht nur Daboul gehörte. Petkov hatte gerade gewonnen, Hartlage einen starken zweiten Platz geholt. Wenn der Drittplatzierte währenddessen lautstark mit den Judges diskutiert und sichtbar keine Lust auf die Siegerfotos hat, verschiebt sich die Aufmerksamkeit zwangsläufig weg von den beiden Athleten, die vor ihm gelandet sind. Genau deshalb finde ich seine spätere Entschuldigung wichtig und in diesem Fall auch gelungen. Sie versucht nicht, die sportliche Diskussion zu beenden. Daboul muss Petkov auch morgen nicht plötzlich für den klar besseren Athleten halten. Er trennt aber seine Meinung über das Ergebnis von der Art, wie er damit umgegangen ist. Für einen Profi ist das in meinen Augen eine wichtige Handlung.
Hartlage schlägt einen Olympia-Top-8-Athleten – und Grimes löst sein Ticket
Fast schon typisch für solche Wochenenden ist, dass der eigentliche Sport hinter dem Drama ein wenig verschwimmt. Florian Hartlage schlug in Wien einen Athleten, der 2025 noch Achter beim Olympia war und eine Woche zuvor eine Pro Show gewonnen hatte. Zhivko Petkov holte den Titel. Das sind sportlich keine Nebensätze, auch wenn der Clip mit Dabouls Reaktion natürlich die dankbarere Schlagzeile liefert.
Auch in der offenen Klasse gab es eine interessante Wendung: Regan Grimes gewann den Austrian Oak vor Damian Kuffel und Joan Pradells und sicherte sich damit seine Olympia-Qualifikation. Nur eine Woche zuvor war Grimes beim Texas Pro noch an Patrick Moore gescheitert. Über dieses Rennen und die damalige Niederlage hatten wir bereits berichtet.
Für Daboul bleibt vom Austrian Oak dagegen ein Wochenende mit zwei sehr unterschiedlichen Bildern. Das erste zeigt einen Athleten, der seine Enttäuschung auf der Bühne nicht im Griff hatte. Das zweite zeigt denselben Athleten, der wenig später ziemlich klar sagt, dass genau das nicht professionell war. Über die Platzierung kann die Szene weiter streiten. Bei der Reaktion scheint Daboul selbst inzwischen das eindeutigere Urteil gefällt zu haben.