Schädigt Kreatin die Nieren?
Die Sorge, Kreatin schadet auf Dauer den Nieren, gehört sowohl in der Supplementindustrie als auch bei Ärzten zu den am häufigsten genannten Fehlinformationen überhaupt. Zugegebenermaßen ist diese Befürchtung auf den ersten Blick sogar nachvollziehbar: Während der Einnahme von Kreatin kann der Kreatininwert im Blut deutlich ansteigen – im Rahmen der Medizin wird Kreatinin häufig zur Beurteilung der Nierenfunktion verwendet.
Genau an dieser Stelle entsteht jedoch das entscheidende Missverständnis.
Ein erhöhter Kreatininwert kann zwar auf eine eingeschränkte Nierenfunktion hindeuten, er kann allerdings auch entstehen, weil mehr Kreatin aufgenommen worden ist und anschließend zu Kreatinin abgebaut wurde. In diesem Fall verändert sich der gemessene Laborwert, ohne dass die Nierengesundheit tatsächlich beeinträchtigt sein muss.
Die aktuelle beweisbare Gesamtlage fällt deswegen deutlich weniger alarmierend aus, als uns viele Diskussionen auf Social Media vermuten lassen: Bei gesunden Erwachsenen gibt es im Rahmen der üblichen Dosierungen keine überzeugenden Hinweise darauf, dass Kreatin-Monohydrat die Nieren schädigen würde. Bei bereits bestehenden Nierenerkrankungen oder im Vorfeld schon auffälligen Laborwerten ist dagegen eine individuelle ärztliche Abklärung notwendig.
Warum Kreatin den Kreatininwert erhöhen kann
Kreatin wird in unserem Körper teilweise zu Kreatinin umgewandelt. Das Kreatinin gelangt dann über das Blut in die Nieren, es wird dort herausgefiltert und anschließend über den Urin ausgeschieden. Weil die Kreatininproduktion unter normalen Umständen relativ konstant verläuft, wird der Kreatininwert häufig als indirekter Marker für die Nierenfunktion genutzt.
Wer Kreatin zusätzlich supplementiert, erhöht die verfügbare Kreatinmenge, wodurch auch mehr Kreatinin entstehen kann. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse fand entsprechend einen kleinen Anstieg des Serumkreatinins, jedoch wurde keine signifikante Verschlechterung der glomerulären Filtrationsrate festgestellt. Die Autoren werteten den messbaren Kreatininanstieg daher eher als Folge des Kreatinstoffwechsels, nicht aber als einen Beleg für einen Nierenschaden (1). Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein veränderter Marker ist nämlich nicht automatisch auch gleichbedeutend mit einer geschädigten Niere. Wenn ausschließlich der Kreatininwert betrachtet wird, kann die daraus berechnete eGFR während einer Kreatinsupplementierung niedriger erscheinen, obwohl die tatsächliche Filterleistung der Nieren unverändert ist.

Was zeigen kontrollierte Humanstudien?
Besonders aussagekräftig ist zu der Thematik eine randomisierte und placebokontrollierte Studie, die mit Kraftsportlern durchgeführt wurde, die gleichzeitig auch eine proteinreiche Ernährung mit mindestens 1,2 Gramm Protein pro kg Körpergewicht verfolgten. Die Teilnehmer haben zunächst 20 Gramm Kreatin täglich und anschließend 5 Gramm pro Tag eingenommen.
Nach drei Monaten zeigte sich dabei keine Verschlechterung der Nierenfunktion. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass die Forscher nicht nur den Kreatininwert verwendet haben, sondern darüber hinaus auch die glomeruläre Filtrationsrate mit einer deutlich spezifischeren Messmethode bestimmt haben (2).
Auch im Rahmen einer anderen kontrollierten Untersuchung mit gesunden jungen Männern konnte nach mehrmonatiger Kreatineinnahme keine negative Veränderung der Nierenfunktion festgestellt werden. Cystatin C, ein Marker, der dabei ebenfalls untersucht wurde, verschlechterte sich nicht (3).
Eine 2020 veröffentlichte doppelblinde, placebokontrollierte Studie untersuchte verschiedene Blut- und Urinmarker bei körperlich aktiven, gesunden Menschen. Obwohl es im Rahmen einer Supplementierung von Kreatin zu erwartbaren Veränderungen bei Stoffwechselwerten kommen konnte, fanden die Forscher keinerlei Hinweise auf eine tatsächliche Nierenschädigung (4).
Die Ergebnisse decken sich mit dem wissenschaftlichen Gesamtbild: Kreatin kann zwar Laborwerte beeinflussen, die für die Einschätzung der Nierenfunktion herangezogen werden. Kontrollierte Humanstudien zeigen allerdings bei gesunden Menschen keine entsprechende Verschlechterung der tatsächlichen Filterleistung.

Welche Nierenwerte sind unter Kreatin sinnvoll?
Wer Kreatin einnimmt und ein Blutbild machen lassen möchte, sollte dem behandelnden Arzt auf jeden Fall die Supplementierung mitteilen. Das gilt vor allem für sportliche Menschen, die über viel Muskelmasse verfügen, da auch eine vermehrte Muskelmasse und intensives Training den Kreatininwert beeinflussen können. Bei einem auffälligen Wert kann es sinnvoll sein, die Nierenfunktion nicht nur anhand des Serumkreatinins zu beurteilen. Je nach Situation können auch weitere Untersuchungen herangezogen werden, beispielsweise:
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Cystatin C
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kombinierte eGFR aus Kreatinin und Cystatin C
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Albumin oder Protein im Urin
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Albumin-Kreatinin-Verhältnis im Urin
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Direkt gemessene glomeruläre Filtrationsrate bei konkretem Verdacht
Ein erhöhter Kreatininwert sollte daher weder ignoriert noch automatisch als Nierenschaden interpretiert werden. Er muss im Kontext der Muskelmasse, des Trainings, der Ernährung, des Flüssigkeitshaushalts, der Medikamente und der Kreatineinnahme betrachtet werden.

Wann ist bei Kreatin Vorsicht geboten?
Die gute Sicherheitslage bei gesunden Erwachsenen sollte nicht pauschal auf alle Personen übertragen werden. Menschen mit diagnostizierter Nierenerkrankung sollten Kreatin nicht ohne ärztliche Abklärung einnehmen. Auch bei wiederholt auffälligen Nierenwerten, nur einer funktionsfähigen Niere oder der Einnahme potenziell nierenschädigender Medikamente ist eine vorherige Absprache mit einem Arzt sinnvoll.
Dass eine Kreatinsupplementation bei gesunden Menschen gut untersucht ist, bedeutet allerdings nicht automatisch, dass für jedes Stadium und jede Form einer chronischen Nierenerkrankung dieselbe Datenlage besteht. Zwar haben neuere Analysen teilweise beruhigende Ergebnisse gezeigt, die Zahl qualitativer Langzeitstudien bei Personen mit bestehenden Nierenerkrankungen bleibt allerdings deutlich kleiner als bei gesunden Sportlern.
Extrem hohe Dosierungen sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Ab einer gewissen Menge schlägt Kreatin vielen Menschen auf den Magen. Sie bringen außerdem keinen erkennbaren Vorteil für den Muskelaufbau. Für die meisten gesunden Erwachsenen sind drei bis fünf Gramm Kreatin-Monohydrat pro Tag vollkommen ausreichend. Eine Ladephase ist zwar möglich, aber nicht notwendig.

Fazit: Kreatin schädigt gesunde Nieren nach aktuellem Stand nicht
Es wird zwar oft behauptet, Kreatin würde grundsätzlich die Nieren schädigen, diese Aussage wird durch die aktuelle wissenschaftliche Evidenz allerdings nicht gestützt. Kontrollierte Humanstudien und aktuelle Meta-Analysen haben bei gesunden Erwachsenen unter üblichen Dosierungen keinerlei relevante Verschlechterung der Nierenfunktion gezeigt.
Was sich durchaus verändern kann, ist der Kreatininwert. Dieser Anstieg lässt sich häufig auf den erhöhten Kreatinumsatz zurückführen und darf auf keinen Fall direkt mit einer Nierenschädigung gleichgesetzt werden.
Auffällige Laborwerte sollten allerdings niemals einfach abgetan werden. Wer regelmäßig Kreatin einnimmt, sollte das beim Arzt angeben, damit Werte wie Kreatinin, eGFR und gegebenenfalls auch noch weitere Marker korrekt eingeordnet werden können. Für gesunde Menschen bleibt Kreatin-Monohydrat eines der mit Abstand am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmittel. Bei bestehenden Nierenerkrankungen ist die Situation dagegen individuell einzuordnen – und gehört nicht ins Fitnessforum, sondern in ärztliche Hände.
Häufig gestellte Fragen zu Kreatin und Nieren
Kann Kreatin den Kreatininwert erhöhen?
Ja. Kreatin kann den Serumkreatininwert leicht erhöhen, das liegt daran, dass ein Teil des aufgenommenen Kreatins zu Kreatinin abgebaut wird. Das bedeutet für sich genommen jedoch nicht, dass die Nieren geschädigt sind.
Sollte man Kreatin vor einer Blutuntersuchung absetzen?
Kreatin sollte nicht nur deshalb abgesetzt werden, um einen günstigeren Laborwert zu erhalten. Wichtiger ist, den Arzt über die Einnahme zu informieren. Ob eine Einnahmepause für eine konkrete Untersuchung sinnvoll ist, sollte in jedem Fall individuell abgesprochen werden.
Kann Kreatin zusammen mit einer proteinreichen Ernährung eingenommen werden?
Bei gesunden Personen, die Kraftsport betreiben, zeigte eine kontrollierte Humanstudie auch in Kombination mit einer proteinreichen Ernährung keine Verschlechterung der Nierenfunktion. Bestehende Erkrankungen müssen dennoch individuell berücksichtigt werden.
Ist Kreatin bei einer Nierenerkrankung erlaubt?
Dazu lässt sich keine allgemeine Empfehlung geben. Menschen mit einer bestehenden Nierenerkrankung sollten Kreatin ausschließlich nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt verwenden.