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Forschung & Fakten

Sind Steroidanwender anfälliger für Kriminalität?

Eine schwedische Studie wird oft als Beleg für einen Zusammenhang von Steroiden und Kriminalität zitiert. Eine kritische Einordnung der Datenlage und der Interpretation.

Vorab zur Einordnung: Anabole Steroide sind in Deutschland nicht zur Leistungssteigerung zugelassen, gelten im Sport als Dopingmittel und sind mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden; Besitz und Handel können strafbar sein. Der folgende Text befasst sich nicht mit der Anwendung, sondern mit der Frage, wie belastbar ein oft behaupteter Zusammenhang zwischen Steroidkonsum und Kriminalität wissenschaftlich ist.

Wissenschaftler, Offizielle des Sports und Politiker zeigen mitunter eine Doppelmoral, wenn es um das Thema anabole Steroide geht. Der britische Experte für Sportmedizin Alan Betterman fasste dies zusammen, als er sagte: „Sportwissenschaftler verwenden selektive Hinweise und Beweise um zu zeigen, dass Steroide gefährlich sind. Wir zitieren zufällig ausgewählte Beobachtungen als Beweis für die negativen Nebenwirkungen. Auf der anderen Seite verlangen wir streng kontrollierte Studien als Beweis dafür, dass Medikamente die Leistungsfähigkeit steigern. Wissenschaftler können nicht beides tun. Sie müssen sowohl die Vorzüge als auch die Nachteile dieser Wirkstoffe objektiv betrachten.”

Eine von schwedischen Psychiatern durchgeführte Studie steht beispielhaft für diese mögliche systematische Befangenheit. Diese Studie berichtet, dass von den jungen Männern, die in einer Entzugsklinik untersucht wurden, diejenigen, die positiv auf anabole Steroide getestet wurden, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit schon einmal wegen Verstößen gegen das Waffengesetz oder Betrug verurteilt worden waren, als diejenigen, die negativ getestet wurden. Steroidanwender, die nicht in diese Klinik eingewiesen worden waren, wiesen jedoch ein geringeres Auftreten dieser Verbrechen auf. Noch bemerkenswerter war, dass die Verurteilungsrate wegen brutaler Verbrechen und Sexualdelikten bei Steroidanwendern und Nichtanwendern gleich hoch war. Die Studie kam dennoch zu dem Ergebnis, dass Steroide ein kriminelles Verhalten förderten.

Viele Menschen sehen Steroidanwender als sexverrückte Psychopaten an, eine Einstellung, die von der schwedischen Studie gerade nicht gestützt wird. Anstatt die nicht vorhandene Verbindung zwischen Steroiden und Sexualdelikten zu benennen, betonten die Forscher die erhöhte Verurteilungsrate für gewaltfreie Verbrechen. Aus journalistischer Sicht ist das ein Beispiel dafür, wie eine Korrelation überinterpretiert und ein Stoff vorschnell dämonisiert werden kann; ein sauberer Kausalbeleg fehlt. Das macht den Stoff nicht harmlos, mahnt aber zur Vorsicht beim Lesen solcher Schlagzeilen.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. Anabole Steroide sind in Deutschland nicht zur Leistungssteigerung zugelassen und fallen unter das Arzneimittel- und Anti-Doping-Recht; Besitz und Handel können strafbar sein. Von einer Selbstanwendung wird abgeraten. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quelle: Archives of General Psychiatry, 63:1274-1279, 2006.