Das körpereigene Cannabinoid-System rückte einst als möglicher Ansatzpunkt gegen Übergewicht in den Blick der Forschung. Wichtig vorweg: Der hier beschriebene Wirkstoff Rimonabant erhielt in den USA nie eine Zulassung und wurde in Europa wegen schwerer psychischer Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen.
Übergewicht ist ein signifikanter Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall, Erkrankungen der Gallenblase und einige Krebsarten. Jedoch ist nicht alles Fett gleich gefährlich. Fettansammlungen im Bauchbereich sind schädlicher als Fettansammlungen an anderen Stellen des Körpers, da sie mit Erkrankungen wie Diabetes vom Typ 2, Bluthochdruck, hohem Cholesterinspiegel, Entzündungen der Blutgefäße und abnormalen Blutverklumpungen in Verbindung gebracht werden.
Die Anregung des Endocannabinoid-CB1-Systems, also der Rezeptoren, die für die berauschende Wirkung von Marihuana verantwortlich sind, kann Gelüste auf Nahrungsmittel auslösen, welche zu Fettansammlungen im Bauchbereich führen. Der Konsum von Marihuana verleitet zum Essen, da er das für den Appetit verantwortliche Zentrum im Gehirn anregt und somit Hunger hervorruft.
Französische Forscher von Sanofi-Aventis kamen auf die Idee, dass ein Medikament, welches genau diesen Vorgang umkehrt, ein Diätmittel sein könnte. Sie entwickelten einen Cannabinoidantagonisten namens Rimonabant (Acomplia), welcher die Wirkung natürlich vorkommender marihuanaähnlicher Chemikalien im Gehirn unterdrücken und so den Hunger dämpfen sollte. Der Wirkstoff blockiert die Rezeptoren im Gehirn, deren Anregung zwanghaftes Verhalten wie Rauchen oder Fressanfälle hervorrufen kann. Während einer zweijährigen Studie wurde mit dem Medikament ein leichter, aber kontinuierlicher Gewichtsverlust beobachtet, gleichzeitig verbesserte sich die Blutzuckerregulierung, verringerte sich der Bauchumfang und verbesserten sich die Blutfettwerte.
Die FDA verweigerte dem Wirkstoff in Amerika 2006 die Zulassung, da es aus ihrer Sicht zu einem zu häufigen Auftreten von Nebenwirkungen wie Depressionen und Angstzuständen kam. Genau diese psychischen Risiken bestätigten sich: In Europa wurde Rimonabant 2008 wieder vom Markt genommen. Der Fall zeigt, wie schmal der Grat zwischen einem vielversprechenden Wirkmechanismus und einem nicht vertretbaren Nebenwirkungsprofil sein kann.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. Rimonabant ist in Deutschland nicht zugelassen und nicht verkehrsfähig; Marihuana unterliegt dem Betäubungsmittelrecht. Von einer Selbstmedikation wird abgeraten. Bei Fragen zu Gewicht und Gesundheit wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Quelle: International Journal of Obesity, 30: 544-552, 2006.