Thyroxin (T4)
Thyroxin (T4) ist ein verschreibungspflichtiges Schilddrüsenhormon und in Deutschland nur zur Behandlung ärztlich diagnostizierter Schilddrüsen-Erkrankungen vorgesehen, nicht als Diät- oder Leistungsmittel. Eine Anwendung ohne medizinische Indikation greift in einen empfindlichen Hormon-Regelkreis ein und kann ernste Herz-Kreislauf-Folgen haben; im Sport gilt eine missbräuchliche Verwendung als unzulässig. Konkrete Dosierungsangaben nennen wir bewusst nicht, da sich daraus eine Anleitung ableiten ließe.
Chemischer Name: 3,3′,5,5′-Tetraiod-L-thyronin
Summenformel: C15 H11 I4 NO4
Molekulargewicht: 776,8
Art der Zufuhr: oral
Halbwertszeit: 8 Tage
Geschichte und Allgemeines
Thyroxin (T4) wurde Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals synthetisiert und kommt in Schilddrüsenhormonpräparaten in Form von Levothyroxin Natrium zum Einsatz, welches im menschlichen Körper dieselbe Wirkung wie körpereigenes T4 zeigt. Vor der Entwicklung von T4 Präparaten wurden im medizinischen Bereich Schilddrüsenextrakte, die aus der Schilddrüse von Schafen gewonnen wurden, eingesetzt.
Medizinischer Einsatzbereich
Im Bereich der Medizin kommen T4 Präparate primär im Rahmen der Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion zum Einsatz. Weitere Einsatzgebiete umfassen die Behandlung eines Kropfes sowie die Unterdrückung der Schilddrüsenfunktion bei Schilddrüsenkrebs (10). Falls keine T4 zu T3 Umwandlungsschwäche besteht, werden T4 Präparate T3 Präparaten vorgezogen, da sie weniger Nebenwirkungen besitzen und dem Körper eine Art Depot zur Verfügung stellen, aus dem er bei Bedarf T3 herstellen kann.
Struktur und spezielle Eigenschaften
Aus struktureller Sicht gehört T4 zur Gruppe der Jodthyronine, zu der auch T3 (Trijodthyronin) und T2 (Dijodthyronin) gehören. Jodthyronine bestehen aus zwei miteinander verbundenen Tyrosin Molekülen, die zusammen das Protein Thyreoglobulin bilden, an welches mehrere Jodatome angehängt sind. Bei Thyroxin handelt es sich um ein Jodthyronin mit vier angehängten Jodatomen.
Da T4 mit etwa 8 Tagen eine deutlich längere Halbwertszeit als T3 mit einer Halbwertszeit von 10 bis 19 Stunden aufweist und erst nach eine Umwandlung in stoffwechseltechnisch aktives T3 eine Wirkung entfalten kann, besitzt T4 einen im Vergleich zu T3 deutlich langsameren und sanfteren Wirkungseintritt. Gleichzeitig besitzt T4 auch ein deutlich geringeres Nebenwirkungspotential als T3.
Allgemeine Eigenschaften von Schilddrüsenhormonen
Die Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) werden von der menschlichen Schilddrüse hergestellt und ausgeschüttet. Von diesen beiden Hormonen ist T3 das eigentliche aktive Schilddrüsenhormon, während T4 stoffwechseltechnisch gesehen inaktiv ist und im Körper erst nach einer enzymatische Umwandlung durch das Enzym Jodthyronin-5-Dejodase vom Typ I in T3 aktiv wird. Die Schilddrüse produziert täglich nur geringe Mengen T4 und T3 im Mikrogramm-Bereich. Berücksichtigt man die körpereigene Umwandlung von T4 in T3, bleibt die tägliche Gesamtproduktion von T3 im niedrigen Mikrogramm-Bereich. Schilddrüsenhormone besitzen einen deutlichen Einfluss auf die Stoffwechselrate und somit auch auf den täglichen Kalorienverbrauch. Hierbei gilt, dass die Stoffwechselrate und der Kalorienverbrauch umso höher ausfallen, je höher die Spiegel des aktiven Schilddrüsenhormons T3 im Körper sind. Die Erhöhung der Stoffwechselrate und des Kalorienverbrauchs beruht auf mehreren unterschiedlichen Faktoren.
Einer dieser Faktoren ist eine gesteigerte Aktivität des Herzens, die mit kraftvolleren Kontraktionen des Herzmuskels, einer erhöhten Herzfrequenz und einer Erhöhung des Blutdrucks einhergeht. Alleine dieser Faktor kann Studien zufolge bei stark erhöhten Schilddrüsenhormonspiegeln den körperweiten Energieverbrauch deutlich steigern (1). Wie gesund eine dauerhafte erhöhte Belastung des Herzmuskels aufgrund einer exogenen Zufuhr von Schilddrüsenhormonen ist, steht hierbei auf einem anderen Blatt.
Ein weiterer interessanter Faktor, der deutlich zur Steigerung des Grundumsatzes und somit des Gesamtkalorienverbrauchs beiträgt, ist die Zunahme der Menge so genannter Entkoppelnder Proteine in den Mitochondrien als Reaktion auf eine Erhöhung der Schilddrüsenhormonspiegel (primär T3) (2). Diese Proteine entkoppeln die ATP Synthese von der Verbrennung von Nährstoffen in den Mitochondrien, was bedeutet, dass mehr Energie in Form von Wärme freigesetzt wird, während gleichzeitig mehr Nährstoffe verbrannt werden müssen, um benötige Menge an ATP zu produzieren. Dies ist auch der primäre Grund dafür, dass die Körpertemperatur bei einer exogenen (körperfremden) Zufuhr von Schilddrüsenhormonen steigt.
Bei einem Einsatz von Schilddrüsenhormonen zum Fettabbau wird zudem beschrieben, dass T3 die Aktivität der Nebennierenrinde anregt, was in einer gesteigerten Ausschüttung der lipolytischen (fettabbauenden) Hormone Epinephrin und Norepinephrin resultieren dürfte, während es gleichzeitig zu einer Erhöhung der Anzahl der Beta-Adrenozeptoren im Muskel und Fettgewebe kommt (3).
Des Weiteren steigern erhöhte T3 Spiegel die Wachstumshormonausschüttung (4), was insofern interessant ist, als dass Wachstumshormone die Freisetzung von Fettsäuren aus den Fettzellen fördern. Diese erhöhte Wachstumshormonausschüttung dürfte bei höheren T3 Spiegeln jedoch keine deutliche den Muskelaufbau fördernde Wirkung besitze, da die durch Wachstumshormone bewirkte Stickstoffeinlagerung bei erhöhten T3 Spiegeln abnimmt (5), was darauf beruhen dürfte, dass T3 vermutlich die Bioverfügbarkeit von IGF-1 reduzieren kann. Interessanterweise besitzen Schilddrüsenhormone bis zu einer bestimmten Menge sowohl anabole als auch eine katabole Wirkungen, wobei die katabolen Wirkungen jedoch mit steigenden Schilddrüsenhormonspiegeln und sinkender Kalorienzufuhr recht bald überwiegen.
Nebenwirkungen
Zu den möglichen Nebenwirkungen von T4 zählen Tachykardie, Herzklopfen, Herzrhythmusstörungen, pektanginöse Zustände, Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Krämpfe, Fieber, Erbrechen, Menstruationsstörungen, Tremor, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Gewichtsabnahme, Durchfall, eine stärkere Belastung des Herz-Kreislauf Systems und Gewichtsverlust (10). Diese Nebenwirkungen treten meist bei zu hohen Dosierungen oder einer zu schnellen Steigerung der Dosierung auf und verschwinden nach einer Reduzierung der Dosierung bzw. im Lauf der Einnahme bald wieder.
Eine länger andauernde Einnahme von Schilddrüsenhormonen resultiert aufgrund des so genannten thyreotrophen Regelkreislaufs in einer Reduzierung der körpereigenen Schilddrüsenhormonproduktion, die bis hin zu einer vollständigen Einstellung der Produktion gehen kann. Der thyreotrophe Regelkreislauf dient dazu, die T3 und T4 Spiegel im Körper stabil zu halten und größere Schwankungen der Spiegel dieser Hormone zu verhindern. Diese Regulierung erfolgt über eine Ausschüttung des so genannten Thyroidea stimulierenden Hormons (TSH), welches die Schilddrüse dazu anregt, T3 und T4 auszuschütten. Je höher die Schilddrüsenhormonspiegel sind, desto weniger TSH wird ausgeschüttet. Zusätzlich hierzu reduzieren Stoffwechselprodukte, die beim Abbau von T3 entstehen, über eine negative Rückkopplung die Umwandlung von inaktivem T4 in aktives T3. Wenn die körpereigene Schilddrüsenhormonproduktion über einen längeren Zeitraum unterdrückt wird, kann es zu einer Schrumpfung (Atrophie) der Schilddrüse kommen, was zur Folge hat, dass es nach dem Absetzen exogener (von außen zugeführter) Schilddrüsenhormone länger dauert, bis die körpereigene Schilddrüsenhormonproduktion wieder voll in Gang kommt.
In der einschlägigen Steroidliteratur wird immer wieder darüber geschrieben, dass bei einer längeren Einnahme von Schilddrüsenhormonen die Gefahr eine permanenten Reduzierung der körpereigenen Schilddrüsenhormonproduktion besteht, die eine lebenslange Einnahme von Schilddrüsenhormonen notwendig machen könnte. In der medizinischen Fachliteratur finden sich jedoch keine Hinweise darauf, dass dies bei einer gesunden Schilddrüse wirklich der Fall sein kann. Es gibt jedoch Studien, die zeigen, dass bei allen Probanden nach einer längerfristigen medikamentösen Unterdrückung der Schilddrüsenfunktion die Schilddrüsenhormonproduktion etwa vier Wochen nach Beendigung der Therapie wieder im normalen Bereich lag (6).
In der Praxis wird beschrieben, dass viele Anwender während der letzten Wochen der Einnahme von Schilddrüsenhormonen die Dosis schrittweise reduzieren, um der Schilddrüse die Möglichkeit zu geben, die Schilddrüsenhormonproduktion langsam wieder aufzunehmen. Dies macht jedoch nur dann Sinn, wenn die eingenommene Menge an Schilddrüsenhormonen während dieses Ausschleichens unterhalb der normalerweise vom Körper produzierten Mengen dieser Hormone liegt, da der Körper ansonsten keine Notwendigkeit sieht, selbst wieder Schilddrüsenhormone auszuschütten. Ein häufig kursierendes Schema des schrittweisen Ausschleichens, das durchgehend oberhalb der körpereigenen Produktion liegt, entbehrt somit jeder Logik, da die normale körpereigene T4-Produktion nur im niedrigen Mikrogramm-Bereich liegt und der Körper somit selbst während der letzten Woche dieses Ausschleichens keine Veranlassung sieht, selbst Schilddrüsenhormone auszuschütten. Selbiges gilt für T3, dessen normale tägliche Produktion ebenfalls im niedrigen Mikrogramm-Bereich liegt.
Da Glukagon die Schilddrüsenhormonproduktion hemmt und erhöhte Insulinspiegel die Schilddrüsenhormonausschüttung fördern, dürfte die beste Strategie zur Wiederherstellung der Schilddrüsenproduktion in einer ausreichenden Kalorienzufuhr und dem regelmäßigen Verzehr komplexer Kohlenhydrate bestehen, da letztere den Insulinspiegel über einen längeren Zeitraum erhöhen. Ein guter Indikator ist in diesem Zusammenhang die Körpertemperatur direkt nach dem Aufstehen. Sobald diese nach Beendigung der exogenen Schilddrüsenhormonzufuhr wieder den Wert erreicht, den sie vor Beginn der Einnahme hatte, kann man davon ausgehen, dass die körpereigene Produktion wieder im Normalbereich liegt, wenn auch nur eine Bestimmung der Schilddrüsenwerte letzte Gewissheit geben kann.
Anwendungsbereiche
T4 Präparate kommen im Bereich des Bodybuildings Beobachtungen zufolge primär während der Diät und Wettkampfvorbereitung zum Einsatz, wobei jedoch beobachtet werden kann, dass in diesem Anwendungsfall meist T3 Präparate vorgezogen werden, falls sie erhältlich sind. Dies hängt primär damit zusammen, dass T4 im Rahme einer kalorienreduzierten Diät schon bald einen Großteil seiner Wirkung verliert, da der Körper während einer Phase reduzierter Kalorienzufuhr recht schnell die Produktion des Dejodase Enzyms stark reduziert, welches für die Umwandlung von stoffwechseltechnisch inaktivem T4 in stoffwechseltechnisch aktives T3 benötigt wird. Dies hat zur Folge, dass trotz erhöhter T4 Spiegel nur wenig aktives T3 vorhanden ist, welches eine Wirkung entfalten kann. Inwiefern eine durch die begleitende Einnahme von Ephedrin erhöhte Umwandlungsrate von T4 in T3 diesem Effekt entgegen wirken kann, ist nicht bekannt.
In der Praxis wird weiterhin berichtet, dass einige Bodybuilder T4 Präparate außerhalb der Diät über einen längeren Zeitraum einsetzen, um trotz schlechter Ernährungsgewohnheiten einen niedrigen Körperfettanteil aufrecht erhalten zu können. In diesem Bereich wird T4 aufgrund seiner milderen Wirkung und dem geringeren Nebenwirkungspotential Beobachtungen zufolge dem stärker wirksamen T3 vorgezogen. Da in diesem Fall kein Kaloriendefizit vorliegt, lässt die Wirkung von T4 in einem solchen Szenario nicht im selben Umfang wie während einer Diät nach.
Das dritte beobachtete Einsatzgebiet von T4 besteht in der Anregung des Proteinstoffwechsels während der Masseaufbauphase, wobei sich Anwender aufgrund der in gewissem Umfang vorhandenen anabolen Wirkungen von Schilddrüsenhormonen in Verbindung mit einer ausreichenden Kalorienzufuhr eine Förderung des Muskelaufbaus erhoffen.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. Thyroxin (T4) ist in Deutschland verschreibungspflichtig und nur bei ärztlich diagnostizierten Schilddrüsen-Erkrankungen vorgesehen; eine missbräuchliche, leistungsbezogene Verwendung kann gesundheitlich gefährlich und rechtlich heikel sein. Von einer Selbstmedikation wird abgeraten. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Quellen: H. C. Freake, J. H. Oppenheimer, Annual Review of Nutrition 1995 · V. Lebon et al., The Journal of Clinical Investigation 2001 · A. G. Vagenakis et al., The New England Journal of Medicine 1975 · Fachinformation Merck Pharma GmbH (Euthyrox).