SARMs (Selective Androgen Receptor Modulators) werden als nächste Generation der Performance-Enhancer vermarktet: alle Vorteile von Steroiden, ohne deren Nebenwirkungen. Wichtig vorab: keine dieser Substanzen ist als Arzneimittel zugelassen, sie sind seit 2008 von der WADA gelistet, in Deutschland fallen Erwerb und Besitz unter das Arzneimittelgesetz (AMG) und können rechtlich problematisch sein. Eine genauere Betrachtung der präklinischen und klinischen Evidenz zeigt zudem ein deutlich differenzierteres Bild als das Werbeversprechen.
Auf einen Blick
- SARMs sind nicht zugelassene Prüfsubstanzen, keine ist als Arzneimittel auf dem Markt.
- Die behauptete „Selektivität” ist in vivo nur teilweise nachweisbar; androgene Nebenwirkungen treten dosisabhängig auf.
- Leberbelastung, kardiovaskuläre Effekte und Suppression der körpereigenen Testosteronproduktion sind dokumentiert.
- Die Qualität von Black-Market-SARMs ist unkontrolliert, mit hohem Anteil an Verunreinigung oder Falschdeklaration in Studien.
- WADA-gelistet seit 2008. In Deutschland AMG-pflichtig; Besitz/Erwerb rechtlich problematisch.
Wer nach Alternativen zu Steroiden sucht, wird früher oder später auf SARMs stoßen. Oftmals werden diese nämlich als „weniger schädlich”, aber genauso wirksam propagiert. Das klingt im ersten Moment wie ein Jackpot im Bodybuilding. Doch sind sie wirklich genauso effektiv wie Steroide ohne deren Nebenwirkungen und Risiken?
Anbieter und Anwender bewerben SARMs gerne als das „ultimative Supplement” für gesundheitsbewusste Bodybuilder und schwören auf deren leistungssteigernde und muskelaufbauende Wirkung. Doch irgendwie klingt das Ganze zu gut, um wahr zu sein, oder?
In diesem Artikel gehen wir der Sache auf den Grund. Wir sehen uns an, was SARMs sind, wie sie wirken und was die Wissenschaft über ihre Effektivität und Sicherheit sagt.
Was sind SARMs?
Der Begriff SARM steht für „Selektiver Androgenrezeptor Modulator”. Es handelt sich um eine Substanz, die aus chemischer Sicht anabolen Steroiden ähnelt.
Es gibt eine ganze Reihe von SARMs, und einige sind stärker und weisen ein höheres Risiko für Nebenwirkungen auf als andere.
Häufig genannte SARMs:
- MK-2866 oder GTx-024 (Ostarin)
- LGD-4033 (Ligandrol)
- LGD-3303
- GSX-007 oder S-4 (Andarin)
- GW-501516 (Cardarin)
Die seltsamen alphanumerischen Namen fallen auf. SARMs wurden noch nicht für die medizinische Verwendung zugelassen. Aus diesem Grund haben pharmazeutische Vermarkter sich noch nicht darum gekümmert, ihnen Namen zu geben.
Wirkungsweise
Um zu verstehen, wie diese Wirkstoffe wirken, lohnt zuerst ein Blick auf die Physiologie von Hormonen. Hormone sind chemische Botenstoffe, die unser Körper verwendet, um mit den Zellen zu kommunizieren. Man kann sich Hormone als ausgehende Mails vorstellen, die wichtige Instruktionen enthalten. Und wenn sie die Mailbox der Zellen, die Hormonrezeptoren, erreichen, werden diese Befehle ausgeführt.
Androgene sind Hormone, die maskuline Eigenschaften (tiefere Stimme, Gesichtsbehaarung, mehr Muskeln, usw.) produzieren. Das bekannteste Androgen ist Testosteron. Doch es gibt noch weitere.
Androgene entfalten ihre Wirkungen im Körper über drei primäre Wege:
- Anbinden an die Androgenrezeptoren der Zellen
- Umwandlung in das Hormon Dihydrotestosteron (DHT), welches an den Androgenrezeptor anbindet
- Umwandlung in das Hormon Östradiol (Östrogen), welches an einen anderen Typ von Zellrezeptor anbindet (Östrogenrezeptor).
Unter normalen Umständen reguliert der Körper die Androgenproduktion sorgfältig und verlässt sich hierbei auf empfindliche Rückkopplungsmechanismen, um Ungleichgewichte zu verhindern. Werden dem Körper anabole Steroide zugeführt, werden die Zellen jedoch mit Androgenen überflutet. Und zwar mit so vielen Androgenen, dass alle verfügbaren Rezeptoren vollständig gesättigt werden. Dies sendet eine außergewöhnlich starke „Nachricht” an alle Zellen, inklusive der Muskelzellen. Infolgedessen wachsen diese rapide.
Klingt vorteilhaft, ist es aber nicht ohne Preis
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass einige Nebenwirkungen von Steroiden reversibel sind, während andere irreversibel sind. Permanente Schäden sind also definitiv möglich.
Reversible Veränderungen umfassen beispielsweise eine Atrophie der Hoden, Akne, Zysten, fettiges Haar und fettige Haut, erhöhten Blutdruck, erhöhte Spiegel des „schlechten” LDL-Cholesterins, gesteigerte Aggression und eine reduzierte Spermienzahl.
Irreversible Schäden umfassen androgenbedingten Haarausfall, Herzschäden, Erkrankungen der Leber und Gynäkomastie.
Süchtig nach Steroiden, SARMs die Lösung?
Ein weiterer großer Nachteil von Steroiden ist das Risiko für eine biologische und psychologische Abhängigkeit. Eine Studie fand heraus, dass ein erheblicher Anteil aller Steroidanwender ein Abhängigkeitssyndrom entwickelt. Wer sich lange genug mit ehrlichen Steroidanwendern unterhält, erfährt einiges über die abhängig machenden Eigenschaften von Steroiden.
Wissenschaftler versuchen schon seit längerer Zeit, Steroide oder steroidähnliche Medikamente zu entwickeln, die sich nicht so verheerend auf die Gesundheit und das Wohlbefinden auswirken. Supplementhersteller behaupten, dass SARMs genau diese Wirkstoffe seien.
SARMs sind nichtsteroidale Substanzen. Man hat sie entwickelt, um die Androgenrezeptoren nur in Muskel- und Knochenzellen zu stimulieren. Dabei sollen sie nur geringfügige Auswirkungen auf andere Zellen des Körpers und das endokrine System haben.
In diesem Sinn wird die Verwendung regulärer anaboler Steroide gerne mit einem „Flächenbombardement” des Körpers mit Androgenen verglichen. Das Ziel wird zwar erreicht, aber die Ausführung ist schlampig und resultiert in einer Menge Kollateralschäden. Die Einnahme von SARMs wird eher mit einem gezielten Drohneneinsatz verglichen. Mit anderen Worten: SARMs sollen die Muskelzellen ohne all den Lärm und die Unordnung, die Steroide verursachen, zum Wachsen bringen. Ob dieses Bild der Realität standhält, ist allerdings genau die offene Frage.
Wirkung von SARMs im Detail
Technisch gesehen erreichen SARMs ihre Wirkung auf zwei Wegen:
- Sie besitzen eine spezielle Affinität für bestimmte Körpergewebe wie Muskeln und Knochen, aber nicht für andere Körpergewebe wie Prostata, Leber und Gehirn.
- Der Körper wandelt sie nicht (oder nicht so leicht) in unerwünschte Moleküle wie DHT und Östrogen um, die Nebenwirkungen hervorrufen.
Dabei ist der zweite Punkt recht signifikant.
Eine Schlüsseleigenschaft von SARMs ist, dass sie nicht so leicht durch ein Enzym namens 5-a-Reduktase in eine andere Form umgewandelt werden können. Das 5-a-Reduktase-Enzym wandelt Testosteron in DHT um. Genau das sorgt für viele der unerwünschten Nebenwirkungen anaboler Steroide.
SARMs sind auch gegenüber dem Enzym Aromatase resistent. Dieses wandelt Testosteron in Östrogen um. Da SARMs weniger wirkungsvoll als reguläre Steroide sind, unterdrücken sie die natürliche Testosteronproduktion des Körpers weniger stark. Deshalb kann sich der Körper nach dem Absetzen dieser Wirkstoffe leichter wieder erholen.
Warum verwenden Menschen SARMs?
Man hat SARMs ursprünglich für Menschen entwickelt, die unter Erkrankungen wie Muskelschwund, Osteoporose, Anämie und chronischer Erschöpfung leiden. Dementsprechend waren sie als „gesündere Alternative” für eine Testosteron-Ersatztherapie gedacht. Ob sie diese Punkte tatsächlich erfüllen können, muss die Wissenschaft allerdings noch beweisen.
Bodybuilder verwenden SARMs für gewöhnlich aus einem der beiden folgenden Gründe:
- Für Erfahrungen mit anabolen Wirkstoffen, bevor sie zu traditionellen Steroidzyklen übergehen
- Um die Effektivität von Steroidzyklen zu steigern, ohne die Nebenwirkungen oder die Gesundheitsrisiken übermäßig zu erhöhen.
Viele Bodybuilder glauben auch, dass SARMs für eine Definitionsphase besonders hilfreich seien. Schließlich sollen sie dabei helfen, fettfreie Körpermasse zu halten, ohne Wassereinlagerungen hervorzurufen.
Wie gut wirken SARMs?
Was den Muskelaufbau angeht, haben Untersuchungen gezeigt, dass SARMs nicht so wirkungsvoll wie traditionelle Steroide sind. Sie sind bei Sportlern unter anderem deshalb beliebt, weil sie bei Dopingtests schwerer nachweisbar sein sollen, was die Liste der ethischen und rechtlichen Probleme nur verlängert.
Keine Wirkung ohne Nebenwirkung
Nichtsteroidale SARMs gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten, allerdings mangelt es an Untersuchungen am Menschen. Wir wissen einfach noch nicht genug darüber, wie sie genau wirken und welche langfristigen Nebenwirkungen sie besitzen können. Was bis dato bekannt ist: SARMs unterdrücken die natürliche Testosteronproduktion.
Eines der Hauptverkaufsargumente für viele dieser Wirkstoffe ist die Behauptung, dass sie die körpereigene Testosteronproduktion nicht unterdrücken. Das ist falsch. Diese Wirkstoffe unterdrücken die Testosteronproduktion sehr wohl.
Im Rahmen einer Studie nahmen männliche Probanden über einen Zeitraum von rund drei Monaten das SARM Ostarin (alias GTx-024) ein. Anschließend ließ sich ein deutlicher Abfall der Spiegel des freien Testosterons und ein Absinken der Gesamttestosteronspiegel beobachten. Konkrete Mengenangaben nennen wir bewusst nicht, da sich daraus eine Anleitung ableiten ließe; von einer Selbstanwendung wird ausdrücklich abgeraten.
Ähnliche Auswirkungen hat man auch bei einer mit dem SARM Ligandrol durchgeführten Studie beobachtet. In der Tat werden SARMs auch als mögliches männliches Verhütungsmittel untersucht, da sie die Spiegel des luteinisierenden Hormons und des follikelstimulierenden Hormons senken. Dadurch reduzieren sich die Spermienzahl und die Testosteronspiegel deutlich.
Studien zeigen also recht eindeutig, dass SARMs die natürliche Testosteronproduktion hemmen. Und all dies überrascht nicht, wenn man die grundlegende Physiologie berücksichtigt, die hier im Spiel ist.
Werden dem Körper Androgene zugeführt, dann erkennt er diese Erhöhungen der Androgenspiegel und reagiert hierauf mit einer Reduzierung der körpereigenen Produktion. Je mehr SARMs zugeführt werden, desto mehr Nebenwirkungen treten auf. SARMs sind nicht völlig frei von Nebenwirkungen; sie neigen nur dazu, bei geringen Dosierungen geringer auszufallen. Zudem kann sich der Körper von SARMs wahrscheinlich leichter erholen als von regulären Steroiden.
Da SARMs nicht auf dieselbe Art und Weise wie Steroide in DHT und Östrogen umgewandelt werden, können sie somit einen nicht allzu negativen Einfluss auf den Körper haben. SARMs sind außerdem nicht so anabol wie reines Testosteron, was bedeutet, dass sie wahrscheinlich auch die natürliche Testosteronproduktion nicht so stark unterdrücken.
Fazit zum Thema SARMs
SARMs sind Wirkstoffe, denen nachgesagt wird, einige der Effekte anaboler Steroide bei weniger Nebenwirkungen zu liefern. Sie sind nicht so effektiv wie Steroide. Sie scheinen nach derzeitiger, dünner Datenlage in mancher Hinsicht weniger drastisch zu wirken als anabole Steroide. Daraus folgt aber nicht, dass ihre Einnahme sicher wäre.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen klar, dass sie die natürliche Testosteronproduktion unterdrücken und das endokrine System negativ beeinflussen. Darüber hinaus wissen wir nicht, welche langfristigen Auswirkungen eine Verwendung von SARMs auf die Gesundheit haben könnte. Angesichts der Natur dieser Wirkstoffe ist es wahrscheinlich, dass sie langfristige negative Auswirkungen besitzen.
Wer auf der sicheren Seite stehen will, hält sich von SARMs fern. Die Nachteile übertreffen die Vorteile, und diese Verbindungen sind ganz einfach nicht notwendig, um einen muskulösen, starken und schlanken Körper aufzubauen.
Was die Studien zeigen
Die meisten Wirksamkeitsdaten zu SARMs stammen aus präklinischen Tiermodellen und Phase-I/II-Studien an kleinen Probandengruppen (n < 100). Klinische Phase-III-Daten zur Langzeitsicherheit fehlen vollständig. Eine 2018 publizierte Übersichtsarbeit von Solomon et al. dokumentiert in 5 von 7 untersuchten SARMs leberenzymatische Auffälligkeiten.
Vorsicht: Black-Market-Qualität
Eine in JAMA veröffentlichte Analyse von 44 online verkauften SARMs-Produkten fand: nur etwa die Hälfte enthielt tatsächlich die deklarierte Substanz. Ein erheblicher Teil enthielt Verunreinigungen oder andere, nicht deklarierte Substanzen. Selbst „seriöse” Online-Shops erfüllen pharmazeutische GMP-Standards nicht. Bezugsquellen nennen wir bewusst nicht.
Rechtliche Lage in Deutschland
SARMs sind in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen. Erwerb und Besitz fallen unter das Arzneimittelgesetz (AMG) sowie, bei Anwendung im Sport, unter das Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG). Verstöße können mit Geldstrafen oder Freiheitsstrafe geahndet werden.
Einordnung der Redaktion
SARMs sind keine sichere Alternative zu Steroiden, sie sind eine andere Art von Risiko mit dünnerer Datenlage. Wer überhaupt über Performance-Enhancement nachdenkt, sollte sich der spärlichen klinischen Evidenz, der unkontrollierten Black-Market-Qualität und der rechtlichen Lage bewusst sein. Im Zweifel: ärztliche Beratung, keine Online-Foren.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. SARMs sind in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen und fallen unter das Arzneimittel- und Anti-Doping-Recht; Erwerb und Besitz können rechtlich problematisch sein. Von einer Selbstanwendung wird dringend abgeraten. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Quellen: Solomon ZJ et al., Sex Med Rev (2019) · Van Wagoner RM et al., JAMA (2017) · WADA Prohibited List 2024 (S1) · BfArM, Warnung vor SARMs (2020).