DHT (Dihydrotestosteron) ist ein körpereigenes Androgen. Dieser Artikel ordnet seine biologische Rolle ein; die genannten Wirkstoffe wie 5-alpha-Reduktase-Hemmer (z. B. Finasterid/Proscar) oder exogene Hormone sind verschreibungspflichtige Arzneimittel, deren Einsatz in ärztliche Hand gehört. Es scheint so, als ob viele Menschen die Vorstellung haben, DHT sei ein „böses” Androgen-Nebenprodukt, das im Körper keinem anderen Zweck dient, als die Prostata aufzublasen und die Haare ausfallen zu lassen.
Die Realität ist natürlich weitaus komplexer. DHT ist eines dieser „guter Cop / böser Cop”-Hormone, das oft missverstanden wird. Für viele Menschen ist DHT nichts, was man im Körper reduzieren oder eliminieren möchte. Für andere kann eine ärztlich begleitete Kontrolle der DHT-Spiegel eine vernünftige Vorgehensweise sein. Wer die Fakten über DHT kennt, kann besser einordnen, zu welcher Gruppe man gehört.
Ist Testosteron ein Prohormon?
Das primäre Androgen, das von den Hoden ausgeschüttet wird, ist Testosteron. In den meisten Bereichen des Körpers wird das androgene Signal jedoch nicht durch Testosteron übertragen. In diesen Gewebetypen, zu denen das Gehirn (ZNS), die Haut und die Genitalien gehören, praktisch alles außer den Muskeln, ist DHT das aktive Androgen. Testosteron agiert hier lediglich als Prohormon, das durch die Aktion des Enzyms 5-alpha-Reduktase (5-AR) in das aktive Androgen DHT umgewandelt wird.
Das 5-alpha-Reduktase-Enzym kommt in praktisch jedem androgenabhängigen Bereich des Körpers außer der Skelettmuskulatur in hoher Konzentration vor. Dies resultiert darin, dass in diesen Bereichen nur wenig Testosteron überhaupt an den Androgenrezeptoren ankommt. Stattdessen wird es schnell in DHT umgewandelt, welches dann mit den Rezeptoren interagiert.
Diese Transformation ist in diesen Gewebetypen eine sehr wichtige biologische Funktion. DHT ist ein deutlich stärkeres Androgen als Testosteron und bindet um den Faktor 3 bis 5 stärker an den Androgenrezeptor. Würde man das 5-AR-Enzym aus diesen Gewebetypen entfernen und die Bildung von DHT blockieren, könnte man dramatische Veränderungen der Physiologie beobachten.
Ein gutes Beispiel ist männlicher Pseudohermaphroditismus aufgrund eines angeborenen 5-AR-Mangels. Dies ist eine relativ seltene Störung, die jedoch in der Dominikanischen Republik recht häufig vorkommt. Bei dieser Störung werden Männer mit wenig oder ganz ohne 5-AR-Enzym geboren. Sie haben uneindeutige Genitalien und werden häufig als Mädchen aufgezogen. Wenn die Pubertät eintritt, steigen ihre Testosteronspiegel normal an, wobei die DHT-Spiegel jedoch niedrig bleiben. Ihre Muskulatur entwickelt sich normal, doch sie enden mit wenig oder ohne Scham- und Körperbehaarung, einer unterentwickelten Prostata und einem unterentwickelten Penis. Häufig sind auch Libido und Sexualfunktion gestört.
Testosteron ist das aktive Androgen in der Muskulatur
Die Skelettmuskulatur unterscheidet sich auf einzigartige Art und Weise von anderen androgenabhängigen Gewebetypen. Sie enthält nur wenig oder kein 5-AR, weshalb auch nur wenig oder kein DHT in der Muskulatur gebildet wird. Zusätzlich wird alles DHT, das trotzdem entsteht oder das bereits im Blut vorhanden ist und so in den Muskel gelangt, schnell durch ein Enzym namens 3alpha-Hydroxysteroid-Reduktase (3a-HSD) deaktiviert.
Testosteron ist also, zumindest was die Muskulatur angeht, das primäre aktive Androgen. Damit soll nicht gesagt werden, dass exogen verabreichtes DHT keine anabole Wirkung besitzt. DHT zeigt in der Tat etwas anabole Aktivität im Muskel, wobei diese jedoch deutlich schwächer ausfällt als bei Testosteron. Dies hängt mit dem schnellen Abbau durch das 3a-HSD in das schwächere Stoffwechselprodukt 5alpha-androstan-3a,17b-diol zusammen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass selbst dann, wenn Testosteron das aktive Androgen im Muskel ist und DHT beim Menschen nur eine sehr schwache anabole Wirkung in der Muskulatur zeigt, DHT für die volle Wirkung von Testosteron trotzdem sehr wichtig ist. Gemeint sind spezifisch die Auswirkungen von DHT auf das zentrale Nervensystem, die zu einer gesteigerten neurologischen Effizienz und einer gesteigerten Widerstandsfähigkeit gegenüber psychologischem und körperlichem Stress beitragen, ganz zu schweigen von der sexuellen Funktion und der Libido.
Es kursieren anekdotische Berichte von Personen, die Testosteron mit Proscar (einem 5-alpha-Reduktase-Inhibitor) kombiniert und eine reduzierte Wirkung bemerkt haben. Was geht da vor sich? Es kann nicht mit einer Hemmung der direkten anabolen Aktivität von Testosteron auf den Muskelanabolismus zusammenhängen. Höchstwahrscheinlich liegt es an der Reduzierung der androgenen Wirkungen in anderen Bereichen des Körpers, insbesondere im ZNS. Eine andere Möglichkeit ist eine Reduzierung der Produktion androgenabhängiger Wachstumsfaktoren in der Leber (wie z. B. IGF-1), da DHT in der Leber ein wichtiges Androgen darstellt.
Die antiöstrogene Wirkung von DHT
Eine wichtige Funktion von DHT, über die nicht häufig gesprochen wird, ist sein Östrogen-Antagonismus. Einige Männer, die Proscar einnehmen, lernen dies auf die harte Tour, wenn sich bei ihnen eine Gynäkomastie entwickelt. Durch eine Reduzierung des DHT-Schutzes gegen Östrogen wurden diese Männer empfindlicher für die östrogenbedingte Brustdrüsenvergrößerung.
Wie schützt DHT vor Östrogen? Es gibt mindestens drei Wege. Zuerst einmal hemmt DHT die Östrogenaktivität im Gewebe direkt. Es tut dies, indem es als kompetitiver Antagonist am Östrogenrezeptor agiert oder die östrogen-induzierte RNA-Transkription an einem Punkt nach dem Anbinden von Östrogen an seinen Rezeptor reduziert.
Zweitens konnte von DHT und seinen Stoffwechselprodukten gezeigt werden, dass diese die Produktion von Östrogen aus Androgenen durch eine Hemmung der Aktivität des Aromatase-Enzyms hemmen. Diese im Brustgewebe durchgeführten Studien zeigten, dass DHT, Androsteron und 5alpha-Androstandione potente Hemmer der Bildung von Östrogen aus Androstendion sind. Von 5alpha-Androstandione konnte gezeigt werden, dass es die stärkste Wirkung aufweist, wogegen die Wirkung von Androsteron am schwächsten ausfiel.
Zu guter Letzt agiert DHT am Hypothalamus und der Hypophyse, um die Ausschüttung von Gonadotropinen zu reduzieren. Durch eine Reduzierung der Gonadotropine wird die Produktion der Rohmaterialien für die Östrogenproduktion, Testosteron und Androstendion, reduziert. (DHT selbst kann nicht in Östrogen umgewandelt werden.)
DHT, Östrogen und die Prostata
Wenn es um Sexualhormone geht, wird kaum eine Beziehung so falsch verstanden wie die zwischen Prostata und DHT. Die inakkurate und stark vereinfachte Vorstellung, dass DHT für eine Hypertrophie der Prostata und sogar Prostatakrebs verantwortlich ist, herrscht bei vielen Menschen vor.
Die tatsächliche Situation ist sehr viel komplexer. Man muss verstehen, dass es deutliche Unterschiede zwischen einem gesunden Prostatawachstum, einem Prostatawachstum aufgrund einer BPH und einem krebsbedingten Wachstum der Prostata gibt.
Die erste Phase des Prostatawachstums steht mit der Pubertät und der Ausschüttung von Androgenen durch die Hoden in Verbindung. Dieses Wachstum entwickelt die Prostata aus ihrem präpubertären Schlaf zur normalgroßen, gesunden und funktionellen Prostata eines Erwachsenen. Während der frühen und mittleren erwachsenen Jahre bleibt die Prostata trotz konstant hoher Androgenspiegel in diesem Zustand. Wenn Androgene jedoch im Körper blockiert werden, dann wird die erwachsene Prostata schrumpfen. Dies kann durch eine Kastration oder sogar eine Blockade des 5-AR-Enzyms geschehen (DHT ist das aktive Androgen in der Prostata).
Später im Leben kommt es häufig zu einer zweiten Phase des Wachstums. Dieses Wachstum wird als gutartige Prostatahyperplasie (BPH) bezeichnet und findet in einem völlig anderen hormonellen Zustand statt als das Wachstum während der Entwicklung. Die Hinweise verdichten sich, dass ein hohes Verhältnis von Östrogen zu Androgenen, ein Zustand, der bei älteren Männern häufig auftritt, in engem Zusammenhang mit der Entwicklung einer BPH steht.
Experimentelle Studien haben die Unfähigkeit von Androgenen mit gesättigten A-Ringen (mit DHT verwandt) zur Induzierung einer initialen Prostatahypertrophie gezeigt. Diese Verbindungen können nicht aromatisieren. Aromatisierende Androgene wie Testosteron oder Androstendion können hingegen hyperplastische Modifizierungen der Prostata von Affen induzieren, wobei diese Wirkungen durch die Zugabe eines Aromatasehemmers reversibel sind.
Offensichtlich ist Östrogen bei einer BPH der verursachende Faktor, genauer gesagt wahrscheinlich Östrogen in Gegenwart einer minimalen, erlaubenden Menge von Androgenen.
Für viele Leser wird dies nichts Neues sein, doch nur wenige wissen, dass DHT in einem klinischen Kontext sogar zur Behandlung einer BPH untersucht wurde. Der Mechanismus dahinter: DHT ersetzt das Testosteron im Körper, wodurch letztlich die Menge des Östrogens reduziert wird. Als starkes Androgen signalisiert DHT der Hypophyse, die Produktion von Gonadotropinen zu reduzieren. Diese Reduzierung resultiert in einer verminderten Testosteronproduktion, welche ihrerseits bewirkt, dass die Östrogenspiegel sinken. Die resultierende Veränderung des hormonellen Milieus (hohe DHT-Spiegel, niedrige Östrogenspiegel) führt schließlich zu einem Rückgang einer BPH.
Beschrieben wird diese klinische Anwendung im US-Patent 5,648,350 „Dihydrotestosterone for use in androgenotherapy”. In der dort dokumentierten Probandengruppe sanken die Östradiol-Plasmaspiegel um rund 50 Prozent, und das Volumen der Prostata nahm im Mittel um etwa 15 Prozent ab. Konkrete Dosierungs- und Spiegel-Zielwerte aus dem Patent geben wir bewusst nicht wieder, da sich daraus eine Anleitung zur Selbstanwendung ableiten ließe; eine solche Therapie gehört in ärztliche Hand.
Fazit
Menschen neigen dazu, Dinge ohne Graubereiche entweder als gut oder schlecht einzuordnen. DHT landete (genau wie Östrogen) zuletzt häufig auf der Liste der „schlechten” Dinge und wird oft als Hormon angesehen, das im Körper keine Funktion erfüllt außer Schaden zu verursachen. Wie man sieht, ist dies weit von der Realität entfernt. Ob ein 5-AR-Hemmer wie Proscar sinnvoll ist, ist eine medizinische Einzelfallentscheidung und gehört in die Hand einer Ärztin oder eines Arztes, nicht in die Selbstmedikation.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. Die genannten Wirkstoffe (5-alpha-Reduktase-Hemmer, exogene Androgene) sind in Deutschland verschreibungspflichtige Arzneimittel. Von einer Selbstmedikation wird abgeraten. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
Quelle: US-Patent 5,648,350 „Dihydrotestosterone for use in androgenotherapy”.