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Forschung & Fakten

Wie wirken Androgene auf Libido und sexuelle Funktion?

Was über die Rolle von Androgenen, DHT und Östrogen bei Libido und Sexualfunktion bekannt ist, und warum Testosteron und Steroide rezeptpflichtig beziehungsweise rechtlich reguliert sind.

Androgene Hormone wie Testosteron und anabole Steroide werden seit langem von Sportlern wegen ihrer Wirkung auf Muskelmasse und Kraft verwendet. Wichtig vorweg: Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig, anabole Steroide sind nicht für solche Zwecke zugelassen, gelten im Sport als Doping und sind rechtlich reguliert; ihre Einnahme ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Die anabole Wirkung auf die Muskeln ist dabei nicht die einzige physiologische Wirkung dieser Substanzen. Diskutiert wird auch eine Rolle von Androgenen für den allgemeinen psychologischen Zustand sowie für Libido und Sexualfunktion.

Biochemischer Hintergrund

Testosteron ist das primäre androgene Hormon. Es wirkt auf den Körper sowohl direkt als auch über die Umwandlung in Stoffwechselprodukte (DHT, Östradiol, usw.). Die Wirkung wird dabei durch das Anbinden an spezifische Rezeptoren im Zytosol der Zellen ausgeübt. Während dieses Vorgangs bildet das Hormon mit dem Rezeptor einen Komplex, welcher daraufhin in den Kern der Zelle wandert. Dort interagiert er mit der DNA, um die Bildung spezifischer Proteine zu fördern. Diese Proteine wiederum steuern dann die eigentlichen biologischen Veränderungen. Innerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS) gibt es spezifische Bereiche, die eine hohe Androgenrezeptordichte aufweisen. Androgene und andere Steroide sind dazu in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und mit ihren entsprechenden Rezeptoren im Zytosol des Nervensystems zu interagieren. Der Hypothalamus und die vordere Hypophyse weisen eine besonders hohe Androgenrezeptordichte auf. Beide Teile des Gehirns regulieren die Ausschüttung von Androgenen und anderer Hormone, die eine große Bandbreite von biologischen Funktionen steuern. Androgenrezeptoren finden sich auch im zerebralen Kortex, dem Rückenmark und der Amygdala wieder. Ihre spezifischen Funktionen sind bisher noch nicht ausreichend erforscht.

Endokrinologie und Stoffwechsel

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Testosteron in einigen der wichtigsten Bereiche des Körpers und des Gehirns lediglich als Prohormon dient. Es gibt überall im ZNS Bereiche, die hohe Konzentrationen der Enzyme 5-alpha-Reduktase, Aromatase oder beider Enzyme aufweisen. Dies sind insbesondere Bereiche des ZNS, die mit der Libido im Zusammenhang stehen. In diesen Bereichen muss Testosteron erst umgewandelt werden, um seine Wirkung vollständig entfalten zu können. Die 5-alpha-Reduktase findet sich in der weißen Gehirnmasse in hohen Konzentrationen wieder und wandelt Testosteron in das um ein vielfaches androgenere DHT um. Dies hat zur Folge, dass das androgene Signal von Testosteron in 5-alpha-Reduktase-reichem Gewebe verstärkt wird. Trotz einer leichten Erhöhung der zirkulierenden Testosteronmenge treten bei manchen Personen, die Finasterid (Proscar, Propecia) zur Behandlung einer Prostatahypertrophie oder gegen androgenbedingten Haarausfall einnehmen, Libidoverlust und Beeinträchtigungen der Sexualfunktion als Nebenwirkungen auf. Das Enzym Aromatase sorgt für die Umwandlung von Androgenen in Östrogene. Es findet sich auch in bestimmten Bereichen des Gehirns in hoher Konzentration wieder. Dabei ist es besonders in den Bereichen vorzufinden, die für die neuroendokrine Kontrolle der Gonadotropin-Ausschüttung und des sexuellen Verhaltens essentiell sind. Androgene sind für ihre essentielle Rolle bei der Sexualität bekannt, doch ohne Östrogene sind sie nahezu wirkungslos. Studien haben gezeigt, dass eine Verhinderung der Bildung von Östrogen durch die Verwendung von Aromatasehemmern oder aufgrund eines angeborenen Aromatase-Defekts das sexuelle Verlangen und die Sexualfunktion trotz der Gegenwart normaler oder hoher Androgenspiegel stark reduziert.

Untersuchungen

Eine Gruppe ostdeutscher Wissenschaftler hat die psychologischen Effekte von Androgenen ausgiebig untersucht. Ihre Untersuchungen konzentrierten sich dabei nicht direkt auf die sexuellen Wirkungen von Androgenen, sondern auf die psychophysiologische Komponente. Die psychophysiologische Kapazität ist die Fähigkeit eines Individuums, körperlich, mental und emotional mit Stress umgehen zu können. Diese Kapazität wird durch die Fähigkeit zur Aktivierung der entsprechenden Zentren im zentralen Nervensystem bestimmt. Die psychophysiologische Kapazität kann durch die Anwendung stressiger Stimuli und eine Messung der Verschiebung der Alphafrequenz eines Enzephalogramms ausgewertet werden. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass körperlicher oder psychischer Stress bei Personen, die die psychophysiologische Kapazität besaßen, mit diesem speziellen Stress umgehen zu können, zu einer Erhöhung um etwa 4 bis 6 Hertz im Vergleich zum Ausgangswert führte. Wenn der Stress für eine Person exzessiv wird, dann sinkt die Alphafrequenz, nachdem sie das 4 bis 6 Hertz Optimum erreicht hat, und kann auf Werte unterhalb der Basislinie absinken.

Zu der Zeit, als die Untersuchungen durchgeführt wurden, gab es von der Regierung geförderte Untersuchungsanstrengungen im Bereich der sportlichen Leistungssteigerung. Die Erhöhung der Frequenz der Alphawellen wird bei Sportlern nicht nur mit körperlichem Stress durch Training oder Wettkampf, sondern auch mit der mentalen Vorbereitung für die Ereignisse und den damit verbundenen mentalen Anstrengungen in Verbindung gebracht. Die psychophysiologische Kapazität der Sportler, die mit Hilfe des Enzephalogramms gemessen wurde, wird durch Umstände wie eine falsche Vorbereitung, Angst, Überanstrengung und störende persönliche Probleme negativ beeinflusst. Dies hat zur Folge, dass die sportliche Leistungsfähigkeit häufig deutlich leidet. Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass es von entscheidender Bedeutung sei, solche Stressfaktoren vor einem Wettkampf zu vermeiden. Zudem müssten Wege gefunden werden, die psychophysiologische Kapazität zu erhöhen, um hierdurch die Fähigkeit zu verbessern, mit den Stressfaktoren vor einem Wettkampf fertig zu werden. Zudem sollte im Hinterkopf behalten werden, dass die Resultate dieser Untersuchungen nicht nur auf Sportler, sondern auch auf jeden anderen mit reduzierter psychophysiologischer Kapazität oder Menschen, die mit großen Mengen an Stress zurechtkommen müssen, anwendbar sind.

Berichtet wurde zudem, dass die Gabe androgener Hormone eine deutliche Auswirkung auf die psychophysiologische Kapazität gehabt habe. Substanzen, von denen bekannt ist, dass sie für diesen Zweck untersucht und verwendet wurden, umfassen Mestanolon (Methyl-DHT), Oral-Turinabol (Dehydrochloromethyltestosteron), Testosteron und Androstendion. Die Verbindung zwischen Mestanolon und Androstendion ist von besonderer Signifikanz. Von diesen beiden Substanzen ist bekannt, dass sie nur eine minimale anabole Auswirkung auf die Muskelmasse besitzen. Jedoch könnten sie bei den Stressbehandlungskapazitäten des ZNS mit denen von Testosteron und anderen androgenen/anabolen Steroiden mithalten und diese zum Teil sogar überbieten.

Ein Beispiel aus der Fachliteratur beschreibt die orale Verabreichung von Mestanolon an 54 Probanden, die einer Langzeitstressbelastung ausgesetzt waren. Konkrete Mengenangaben nennen wir bewusst nicht, da sich daraus eine Anleitung ableiten ließe; von einer Selbstanwendung wird ausdrücklich abgeraten. Berichtet wurde eine Erhöhung der Alphawellenfrequenz um bis zu 4 Hertz. Dies wurde mit einer deutlichen Leistungssteigerung bei Tätigkeiten in Verbindung gebracht, die eine hohe körperliche Leistung, eine intensive mentale Konzentration und einen hohen Grad an körperlicher Koordination erforderten.

Prohormone und ZNS-Aktivierung

In denselben Zentren des ZNS, in denen sich die Enzyme 5-alpha-Reduktase und Aromatase finden, befinden sich auch hohe Konzentrationen der Enzyme, die Prohormone in aktive Androgene umwandeln. Anbieter bewerben Prohormone deshalb als auf das ZNS abzielende Variante von Testosteron. Eine Verabreichung solcher Prohormone kann, auch wenn sie nicht immer einen substanziellen Anstieg der Blutspiegel androgener Hormone zur Folge hat, theoretisch eine Erhöhung der Androgenaktivität in Schlüsselzentren des ZNS bewirken. Daraus lässt sich jedoch kein Sicherheitsversprechen ableiten: Prohormone greifen ebenfalls in den Hormonhaushalt ein, der Rechtsstatus einzelner Substanzen ist uneinheitlich, und von einer Selbsteinnahme wird abgeraten. Was als „sicher“ beworben wird, ist nicht belegt; die Langzeitwirkungen sind beim Menschen nicht ausreichend untersucht.

Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Einnahme- oder Kaufempfehlung. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig, anabole Steroide sind nicht für solche Zwecke zugelassen und fallen unter das Arzneimittel- und Anti-Doping-Recht. Von einer Selbstmedikation wird abgeraten. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.

Quellen: Carani C et al., Clin Endocrinol 1999, 51(4): 517-24 · Celotti F et al., Front Neuroendocrinol 1992, 13(2): 163-215 · Mooradian AD et al., Endocr Rev 1987, 8(1): 1-28 · McClellan KJ et al., Drugs 1999, 57(1): 111-26.